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Full text of "Psychoanalytische Bewegung III 1931 Heft 1"

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PSYCHOANALYTISCHE 

BEWEGUNG 

III 

1931 



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DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 


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Bewegung 

Erscheint ^wetmonatlicn 
Herausgegeben von 

A. J» StoAct 



III. Jahrgang 
1931 



Internationaler 

Psychoanalytischer Verlag 

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M III. JaHurgamg • JaauarnFebrtiar 1931 



Heft 1 1 



Von 

Stefan Zweig 

„Wie viel Wahrheit erträgt, wie viel Wahrheit wagt ein 
Geist ? Das wurde für mich immer mehr der eigentliche Wertmesser. 
Irrtum ( — der Glaube ans Ideal — ) ist nicht Blindheit, Irrtum ist 
Feigheit . . . Jede Errungenschaft, jeder Schritt vorwärts in der 
Erkenntnis folgt aus dem Mut, aus der Härte gegen sich, aus der 
Sauberkeit gegen sich." N i e t z s c h e. m 

Das sicherste Maß jeder Kraft ist der Widerstand, den sie überwindet. 
So wird die umstürzende und wiederaufbauende Tat Sigmund Freuds 
einzig erkenntlich in ihrer Gegenüberstellung zur seelischen Situation 
der Vorkriegswissenschaft, deren Anschauung — oder vielmehr Nicht- 
anschauung — der menschlichen Triebwelt Freuds Tiefenpsychologie 
bis auf die Fundamente herab zertrümmert hat. Heute zirkulieren längst 
freudische Gedanken, — vor zwanzig Jahren noch Blasphem und 
Ketzerei, — völlig flüssig im Blut der Zeit und der Sprache; der- 
maßen selbstverständlich sind die von ihm geprägten Formeln ge- 

l) Aus einer umfangreichen Studie über Sigmund F reud, die gleichzeitig mit einer 
über Mesmer und Mary Baker-Eddy unter dem Titel „Die Heilung durch 
den Geis t" im Inselverlag im Frühjahr erscheinen wird. — Ein anderes Bruchstück der 
Freud-Studie Stefan Zweigs gelangt gleichzeitig im „Almanack der Psychoanalyse 1931" zum 
Vorabdruck (unter dem Titel: .Bildnis Sigmund Freuds".) 



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worden, daß es eigentlich größerer Anstrengung bedarf, sie wieder 
wegzudenken als sie mitzudenken. Gerade also weil unser zwanzigstes 
Jahrhundert gar nicht mehr begreifen kann, was im neunzehnten so 
erbittert gegen die längst fällige Aufdeckung der seelischen Triebkräfte 
sich auflehnte, wird es unerläßlich, die Einstellung jener Generation in 
rebus psychologicis zurückzubelichten und die lächerliche Mumie der 
Vorkriegssittlichkeit noch einmal aus ihrem Sarge zu holen. 

Mit der Verachtung jener Moral — unsere Jugend hat zu heftig an 
ihr gelitten, als daß wir sie nicht inbrünstig haßten! — sei an sich 
nichts gegen den Begriff der Moral und seine Notwendigkeit gesagt. 
Jede Menschengemeinschaft, ob religiös oder volkshaft verbunden, sieht 
sich um ihrer Selbstbehauptung willen gezwungen, die aggressiven, die 
sexuellen, die anarchischen Tendenzen des Einzelnen zurückzudrängen, 
sie abzustauen und überzuführen in jene Dämme, die man Sitte und 
Satzung nennt. Selbstverständlich auch, daß jede dieser Gruppen sich 
gemäß ihrer besonderen Artung und Kulturbedingtheit besondere 
Normen und Formen der Sitte schafft : von der Urhorde bis zum elek- 
trischen Jahrhundert hat jede Gemeinschaft sich um die Rückdrängung 
der Urinstinkte mit jeweils andersartigen Methoden gemüht. Harte 
Zivilisationen übten harte Gewalt: die lakedämonische, die urjüdische, 
die kalvinistische, die puritanische Epoche suchen den panischen Lust- 
willen der Menschheit mit dem roten Eisen auszubrennen. Aber grausam 
in ihren Geboten und Verboten, entäußern solche drakonische Epochen 
immerhin noch die Logik einer Idee. Und jede Idee, jeder Glaube 
heiligt bis zu einem gewissen Grade die für ihn eingesetzte Gewalt. 
Wenn das Spartanertum Zucht bis zur Unmenschlichkeit fordert, ge- 
schieht es im Sinne der Züchtung der Rasse, eines männlichen kriegs- 
tüchtigen Geschlechts. Seinem Ideal, der Polis, der Gemeinschaft mußte 
freischweifende Sinnlichkeit als Kraftdiebstahl am Staate gelten, Eigen- 
wille als Minderung des Volkseinheitswillens. Und wenn das Christen- 
tum die fleischliche Natur des Menschen bekämpft, so geschieht dies 
gleicherweise in einem erhobenen Sinne : um der Vergeistigung willen, 
um der Seelenrettung der allzeit irrenden Natur. Gerade weil die 
Kirche, weiseste Psychologin, die Blutleidenschaft des ewig adamitischen 
Menschen und ihre Stärke kennt, setzt sie ihr die Geistleidenschaft zur 
Selbstpreisgabe als Ideal gewalttätig und sogar grausam entgegen; in 



Scheiterhaufen und Kerkern zerstört sie den Hochmut des Eigenwillens, 
um der Seele in ihre höhere Heimat zurückzuhelfen — harte Logik 
dies, aber Logik immerhin. Hier und überall entwächst Handhabung 
des moralischen Gesetzes noch dem Stamm einer gefestigten Welt- 
anschauung. Sittlichkeit erscheint als sinnliche Form einer übersinnlichen 

Idee, 

In wessen Namen aber, im Dienste welcher Idee fordert das längst 
nur mehr scheinfromme neunzehnte Jahrhundert überhaupt noch eine 
kodifizierte Sittlichkeit? Selber genießerisch, grob materiell und geld- 
verdienerisch, ohne einen Schatten der großen geschlossenen Gläubig- 
keit früherer frommer Jahrhunderte, Anwalt der Demokratie und der 
Menschenrechte, kann es seinen Bürgern das Recht auf freien Genuß 
gar nicht mehr ernsthaft verbieten wollen. Wer einmal Toleranz als 
Flagge auf den First der Kultur gehißt, besitzt kein Herrenrecht mehr, 
sich in die Moralauffassung des Individuums einzumengen. In der Tat 
bemüht sich auch der neuzeitliche Staat bei seinen Untertanen keines- 
wegs mehr um eine ehrliche innerliche Versitdichung wie einstens die 
Kirche; einzig seine Gesellschaft verlangt die Aufrechterhaltung einer 
äußern Konvention. Nicht ein wirklicher Moralismus also wird gefor- 
dert, ein Sittlichsein, sondern bloß ein moralisches Sichverhalten, ein Tun 
aller vor allen „als ob". Inwieweit der Einzelne dann wirklich sittlich 
handelt, bleibt seine Privatangelegenheit: er darf sich nur nicht bei 
einem Verstoß gegen die Vorschriften ertappen lassen. Es darf aller- 
hand, sogar sehr viel geschehen, aber es darf nicht davon gesprochen 
werden. Der Hauptakzent liegt auf der kategorischen Forderung nach 
Diskretion, auf Einhaltung des Schweigepaktes über das Vorhandensein 
sexueller Angelegenheiten. Im strengen Sinn kann man also sagen: 
die Sittlichkeit des neunzehnten Jahrhunderts geht das eigendiche 
Problem gar nicht an ; sie weicht ihm aus und beschränkt ihren ganzen 
Kraftaufwand auf die Heuchelei, überall so zu tun, als wäre es damit 
erledigt. Und einzig mit diesem törichten Unvernunftsschluß, wenn 
man etwas verdecke, so sei es nicht mehr vorhanden, mit dieser heuch- 
lerischen Altjungferntechnik des Wegschauens, Fächervorhaltens und 
Durch-die-finger-sehen hat sich die Zivilisationsmoral durch drei oder 
vier Generationen allen Sitten- und Sexualproblemen gegenübergestellt 
oder vielmehr entzogen. Und das grimmige Scherzwort erhellt am 

— 7 — 



sinnlichsten die tatsächliche Situation: nicht Kant habe sittlich das 
neunzehnte Jahrhundert beherrscht, sondern der „cant". 

Wie aber konnte ein so hellsichtiges, vernünftiges Zeitalter sich in 
eine derart unwahrhafte und unhaltbare Haltung verirren? Wie ein 
Jahrhundert der großen Entdeckungen, der technischen Vollendungen 
seine Moral zu einem dermaßen durchsichtigen Taschenspielertrick 
herabwürdigen? Die Antwort ist einfach: eben aus diesem Stolz auf 
seine Vernunft. Eben aus dem Hochmut seiner Kultur, eben aus jenem 
überspannten Zivilisationsoptimismus. Durch die ungeahnten Fortschritte 
seiner Wissenschaft and die Begeisterung für das Tempo dieses Fort- 
schreitens war das neunzehnte Jahrhundert in eine Art Vernunftrausch 
geraten. Alles schien ja dem Imperium des Intellekts sich sklavisch zu 
unterwerfen. Jeder Tag, jede Weltstunde meldete neue Siege der 
Wissenschaften; immer neue widerspenstige Elemente des irdischen 
Raums und der Zeit wurden gebändigt, Höhen und Tiefen öffneten 
ihr Geheimnis der planhaften Neugier des bewaffneten Menschenblicks. 
Überall wich die Anarchie der Organisation, das Chaos dem Willen 
rechnerischen Geistes und diesen Triumph über die sinnliche Welt 
meinte das Jahrhundert voreilig auf die seelische übertragen zu können. 
Sollte die irdische Vernunft, sollte diese neue Allmacht wirklich nicht 
imstande sein, der anarchischen Instinkte im eigenen Blut Herr zu 
werden, das zuchtlose Gesindel der Triebe leichthin zu Paaren zu 
treiben? Die Hauptarbeit der Zivilisation der Seele sei ja längst ge- 
leistet, so beruhigt sich ihr schlechtes Gewissen, und was noch ab und 
zu dem modernen, dem „gebildeten" Menschen im Blute flamme, 
nichts als letzte kraftlose Blitze eines abziehenden Gewitters, verendende 
Zuckungen der alten und schon im Absterben befindlichen Tierbestia- 
lität. Aber nur paar Jahre noch, paar Jahrzehnte und eine Menschheit, 
die vom Kannibalismus bis zur Humanität und zum sozialen Gefühl 
sich so herrlich emporerzogen, werde auch noch diese trüben Schlacken 
in ihren ethischen Feuern aufzehren. Während also die katholische Welt- 
anschauung (ganz im Sinne Freuds) das Primat des Intellekts über die 
Triebe leugnet und die Kraft des Fleischlichen als eine dem Menschen 
zwangsmäßig eingeborene Gefahr, als sehr respektablen Gegner an- 
erkennt, der in jedem Einzelnen immer wieder neu besiegt werden 
muß, betrachtet der Zivilisationsoptimismus, unsäglich flacher und leicht- 



fertiger, die selbstwilligen anarchischen Mächte der Triebwelt im 
wesentlichen schon als chloroformiert und abgetan. Denn, so mahlt 
ununterbrochen die tibetanische Gebetsmühle des Fortschrittsoptimismus 
— die Menschheit wird ohnehin ethischer, humaner und sozialer von 
Tag zu Tag. Wozu derart barbarische Rudimente überhaupt als ernst- 
hafte Probleme ins Blickfeld fassen? Besser also, über diese kleinliche 
und peinliche Angelegenheit ganz zu schweigen. Nur nicht die Menschen 
auf das Geschlechtliche aufmerksam machen und sie werden daran 
vergessen. Nur die uralte, hinter den Eisenstäben der Sitte eingeker- 
kerte Bestie nicht mit Reden reizen, nicht mit Fragen füttern und sie 
wird schon zahm werden. Nur rasch, mit abgewendetem Blick überall 
an allem Peinlichen vorübergehen, immer so tun, als ob nichts vorhan- 
den wäre: das ist die offizielle Sittlichkeitsparole des 19. Jahrhunderts. 
Für diesen konzentrischen Feldzug gegen die Aufrichtigkeit rüstet 
der Staat alle von ihm abhängigen Mächte einheitlich aus. Alle, Kunst 
und Wissenschaft, Sitte, Familie, Kirche, Schule und Hochschule emp- 
fangen die gleiche Kriegsinstruktion: jeder Auseinandersetzung aus- 
weichen, den Gegner nicht angehen, sondern in weitem Bogen um- 
gehen, niemals sich in wirkliche Diskussion einlassen. Niemals mit 
Argumenten kämpfen, nur mit Schweigen, immer nur boykottieren 
und ignorieren. Und wunderbar folgsam dieser Taktik, haben sämt- 
liche geistigen Mächte und Knechte der Kultur sich wacker an dem 
Problem vorbeigeheuchelt. Ein Jahrhundert lang wird innerhalb Euro- 
pas die sexuelle Frage unter Quarantäne gesetzt. Sie wird weder ver- 
neint noch bejaht, weder versucht noch gelöst, sondern hinter eine 
spanische Wand gestellt. Ein Jahrhundert lang jede Wahrhaftigkeit, 
Aufrichtigkeit und Unbefangenheit im natürlichen Leben des Menschen 
vergewaltigt, und dies in einem Grade, der einer Nachkriegsgeneration 
barbarisch erscheinen muß. Aber ein Blick zur Probe in eine illustrierte 
Zeitung von 1890 und jeder von heute kann sich selbst überzeugen, 
mit welch schiefgedrehter Prüderie die Mode damals den Körper der 
Frau verheuchelt, um die schamempfindliche Gesellschaft das Schreckliche 
vergessen zu lassen, daß der Mensch eigentlich nackt in seinen Kleidern 
steckt. Da alle Naturalia als Turpia gelten, müssen alle ehrlichen Linien 
möglichst dem Blicke entzogen werden: und wo in der Mode, in der 
Kunst sinnlicher Reiz nicht völlig weggeschafft werden kann, wird er 

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vom Natürlichen wegverschoben — Symbol dies für die ganze see- 
lische Taktik, die überall freie Lust ins Lüsterne, Moral ins Mucke- 
rische treibt. 

Eine ungeheure Armee von Wächtern, uniformiert als Lehrer, Er- 
zieher, Pastoren, Zensoren und Gouvernanten wird aufgestellt, um 
eine Jugend von ihrer Unbefangenheit und Körperfreude abzuzäunen. 
Kein freier Luftzug darf ihre Leiber, keine offene Rede und Auf- 
klärung ihre Seelen berühren. Und während vordem und überall bei 
jedem gesunden Volk, in jeder normalen Epoche, der mannbar ge- 
wordene Knabe in die Erwachsenheit eintritt wie in ein Fest, während 
in der griechischen, der römischen, der jüdischen Kultur und sogar 
jeder Unkultur der Dreizehnjährige, der Vierzehnjährige redlich auf- 
genommen wird in die Gemeinsdiaft der Wissenden, Mann unter 
Männern, Krieger unter Kriegern, sperrt ihn hier eine gottgeschlagene 
Pädagogie künstlich und widernatürlich von allen Offenheiten aus. 
Niemand spricht vor ihm frei und spricht ihn frei damit. Was er 
weiß, kann er nur in Hurengassen oder durch unter der Hand ge- 
druckte obszöne Bücher oder im Flüsterton von älteren Kameraden 
erfahren. Und da er diese Wissenschaft der natürlichsten Natürlich- 
keiten wieder nur flüsternd weiterzugeben vermag, so dient unbewußt 
jeder neu Heranwachsende als neuer Helfer jener Geheimorganisation 
der Kulturheuchelei. 

Konsequenz dieses hundert Jahre beharrlich fortgesetzten Sich-Ver- 
bergens und Sich-Nichtaussprechens aller gegen alle: ein beispielloser 
Tiefstand der Psychologie inmitten einer geistig überragenden Kultur. 
Denn wie könnte sich gründliche Seeleneinsicht entwickeln ohne Offen- 
heit und Ehrlichkeit, wie Klarheit sich verbreiten, wenn gerade die- 
jenigen, die berufen wären, Wissen weiterzugeben, wenn die Lehrer, 
die Pastoren, die Künstler, die Gelehrten selber Kulturheuchler und 
Unbelehrte sind. Unwissenheit aber erzeugt immer Harte. So wird 
ein mideidsloses, weil ahnungsloses Pädagogengeschlecht gegen die 
Jugend entsandt, das in den Kinderseelen durch die plumpe Forderung, 
moralisch zu sein und „sich zu beherrschen" unheilbaren Schaden 
anrichtet. Halbwüchsige Jungen, die unter dem Druck der Pubertät, 
ohne Kenntnis der Frau, die dem Knabenkörper einzig mögliche Ent- 
lastung suchen, werden von diesen „aufgeklärten" Mentoren seelen- 




gefährlich mit der weisen Warnung verwundet, daß sie ein fürchter- 
liches, gesundheitszerstörendes „Laster" üben und so gewaltsam in ein 
Minderwertigkeitsgefühl, ein mystisches Schuldbewußtsein gedrängt. 
Studenten auf der Universität (ich habe es selbst noch erlebt) bekom- 
men von jener Art Professoren, die man damals mit dem blümeranten 
Wort „gewiegte Pädagogen" zu bezeichnen beliebte, Merkblätter zu- 
geteilt, auf denen sie erfahren, daß jede sexuelle Erkrankung aus- 
nahmslos „unheilbar" sei. Mit solchen Kanonen feuert der Moralkoller 
von damals rücksichtslos gegen die Nerven, mit solchen eisenbeschlagenen 
Bauernstiefeln trampelt die pädagogische Ethik in der Welt der Halb- 
wüchsigen herum. Kein Wunder, daß dank dieser planhaften Auf- 
züchtung von Angst in noch unsicheren Seelen jeden Augenblick ein 
Revolver kracht, kein Wunder, daß durch diese gewalttätigen Zurück- 
drängungen das innere Gleichgewicht Unzähliger erschüttert und serien- 
weise jener Typus Neurastheniker erschaffen wird, die ihre Knaben- 
ängste als rückgestaute Hemmungen ein Leben lang mit sich herum- 
tragen. Unberaten irren Tausende solcher von der Verheuchlungs- 
moral Verstümmelte von Arzt zu Arzt. Aber da damals auch die 
Mediziner nicht wissen und noch weniger wagen, diese Krankheiten 
an der Wurzel aufzugraben, bei der Verstörung des Trieblebens, da 
die Seelenkunde der vorfreudischen Epoche sich aus ethischer Wohl- 
erzogenheit nie in diese verschwiegenen, weil verschwiegenbleiben- 
sollenden Reviere wagt, stehen auch die Neurologen völlig ratlos vor 
solchen Grenzfällen. Aus Verlegenheit schicken sie alle Seelen verstörten, 
als noch nicht reif für Klinik oder Narrenhaus, in Wasserheilanstalten, 
man füttert sie mit Brom und kämmt ihnen die Haut mit elektrischen 
Vibrationen; aber niemand wagt sich an die wirklichen Ursächlich- 
keiten heran. Noch ärger hetzt der Unverstand hinter den abnorm 
Veranlagten her. Von der Wissenschaft als ethisch minderwertig, als 
erblich belastet gebrandmarkt, vom Staatsgesetz als Verbrecher, schlep- 
pen sie, hinter sich die Erpresser, vor sich das Gefängnis, ihr mörde- 
risches Geheimnis ein Leben lang als unsichtbares Joch mit sich herum. 
Bei niemandem können sie Rat, bei niemandem Hilfe finden, denn 
würde sich in der vorfreudischen Zeit ein homosexuell Veranlagter an 
den Arzt wenden, so würde der Herr Medizinalrat entrüstet die Stirn 
runzeln, daß der Patient wage, ihn mit solchen „Schweinereien" zu 

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belästigen. Derlei Privatissima gehörten nicht ins Ordinationszimmer. 
Aber wohin gehören sie? Wohin gehört der in seinem Gefühlsleben 
verstörte oder abwegige Mensch, welche Tür öffnet sich diesen Millio- 
nen zur Beratung, zur Befreiung? Die Universitäten weichen aus, die 
Richter klammern sich an die Paragraphen, die Philosophen (mit Aus- 
nahme des einen tapfern Schopenhauer) ziehen vor, diese allen frü- 
hern Kulturwelten durchaus selbstverständlichen Abweichungsformen 
des Eros in ihrem Kosmos überhaupt nicht zu bemerken, die Öffent- 
lichkeit drückt die Augen krampfhaft zu und erklärt alles Peinliche als 
indiskutabel. Nur kein Wort in die Zeitung, in die Literatur, nur 
keine Diskussion innerhalb der Wissenschaft : die Polizei ist informiert, 
das genügt. Daß dann in der raffinierten Gummizelle dieser Geheimtuerei 
hunderttausend Verkerkerte toben, ist dem hochmoralischen und tole- 
ranten Jahrhundert ebenso bekannt als gleichgültig, — wichtig nur, 
daß kein Schrei nach Außen dringt, daß jener selbstfabrizierte Heiligen- 
schein der Kultur der sittlichsten aller Welten vor der Welt gewahrt 
bleibe. Denn der moralische Schein ist jener Zeit wichtiger als das 
menschliche Sein. 

Ein ganzes, ein entsetzlich langes Jahrhundert beherrscht diese feige 
Verschwörung des Schweigens in Europa. Dann plötzlich durchbricht sie 
eine einzelne Stimme. Ohne jede umstürzlerische Absicht erhebt sich 
eines Tages ein junger Arzt im Kreise seiner Kollegen und spricht, 
ausgehend von seinen Untersuchungen über das Wesen der Hysterie, 
von den Störungen und Stauungen der Triebwelt und ihrer möglichen 
Freilegung. Er schwingt keine großen pathetischen Gesten, er ver- 
kündet nicht aufgeregt, es sei Zeit, die Moralanschauung auf eine neue 
Grundlage zu stellen, die Geschlechtsfrage frei zu erörtern, — nein, 
dieser junge, strengsachliche Arzt mimt keineswegs den Kulturprediger 
im akademischen Kreise, er hält ausschließlich einen diagnostischen 
Vortrag über Neurosen und ihre Ursächlichkeiten. Aber gerade die 
unbefangene Selbstverständlichkeit, mit der er feststellt, daß viele, ja sogar 
eigentlich alle Neurosen von Unterdrückungen sexuellen Begehrens ihren 
Ausgang nehmen, erregt heftigstes Entsetzen im Kreise der Kollegen. 
Nicht daß sie etwa diese Ätiologie für falsch erklärten — im Gegen- 
teil, die meisten von ihnen haben derlei oft schon geahnt oder er- 
fahren, ihnen ist allen privatim die Wichtigkeit des Sexus für die Ge- 

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samtkonstitution wohl bewußt. Aber doch, als Gefühlsangehörige ihrer 
Zeit, als Hörige der Zivilisationsmoral, fühlen sie sich sofort von 
diesem offenen Fingerzeig auf eine wasserhelle Tatsache dermaßen 
verletzt, als wäre dieser diagnostische Fingerzeig selbst schon eine un- 
anständige Geste. Verlegen blicken sie einander an — weiß denn 
dieser junge Dozent nicht um die ungeschriebene Vereinbarung, daß 
man über derlei heikle Dinge nicht spricht, am wenigsten in einer 
öffentlichen Sitzung der hochansehnlichen „Gesellschaft der Ärzte" ? 
Über das Kapitel der Sexualia — diese Konvention sollte der Neuling 
doch kennen und achten — verständigt man sich unter Kollegen mit 
Augenzwinkern, man spaßt darüber am Tarocktisch, aber man bringt 
solche Thesen im neunzehnten Jahrhundert, in einem so kultivierten 
Jahrhundert doch nicht vor ein akademisches Forum. Schon das erste 
öffentliche Auftreten Sigmund Freuds — die Szene hat sich tatsächlich 
ereignet — wirkt im Kreise seiner Fakultätskameraden wie ein Pistolen- 
schuß in der Kirche. Und die Wohlmeinenden unter den Kollegen 
lassen ihn sofort merken, er täte schon um seiner akademischen Karriere 
willen gut, von diesen peinlichen und unreinlichen Untersuchungen 
in Hinkunft lieber abzulassen. Das führe zu nichts, oder wenigstens zu 
nichts, was zur öffentlichen Erörterung tauge. 

Aber Freud ist es nicht um Anstand zu tun, sondern um Aufrichtig- 
keit. Er hat eine Spur gefunden und geht ihr nach. Und gerade das 
Aufzucken belehrt ihn, daß er unbewußt eine kranke Stelle gepackt, 
daß er gleich mit dem ersten Griff ganz nah heran an den Nerv des 
Problems gekommen ist. Er hält fest. Er läßt sich nicht abschrecken 
weder von den gutgemeinten Warnungen der altern und brav wohl- 
wollenden Kameraden, noch von Wehklagen einer beleidigten Moral, 
die nicht gewohnt ist, so brüsk in puncto puncti angefaßt zu werden. 
Mit jener hartnäckigen Unerschrockenheit, mit jenem menschlichen Mut 
und jener intuitiven Kraft, die zusammen sein Genie bilden, läßt er 
nicht ab, gerade an jener empfindlichsten Stelle fester und fester zu- 
zudrücken, bis endlich das Geschwür dieses Schweigens platzt, bis die 
Wunde freigelegt ist und man die Heilung beginnen kann. Noch ahnt 
bei seinem ersten Vorstoß ins Unbekannte dieser einsame Arzt nicht, 
wieviel er in diesem Dunkel finden wird. Er spürt nur Tiefe und 
immer zieht die Tiefe magnetisch den schöpferischen Geist an sich. 

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Daß gleich diese erste Begegnung Freuds mit seiner Generation trotz 
der scheinbaren Geringfügigkeit des Anlasses zum Zusammenstoß wird, 
ist Symbol und keine Zufälligkeit. Denn nicht bloß eine beleidigte 
Prüderie, eine angewöhnte Moralitätswürde nimmt hier Ärgernis an 
einer einzelnen Theorie : nein, hier spürt sofort mit der nervösen Hell- 
sichtigkeit des Bedrohten die abgelebte und geheim ihrer Unwahr- 
haftigkeit bewußte Verschweigemethode einen wirklichen Widerpart. 
Nicht wie Freud an diese Sphäre, sondern daß er überhaupt an sie 
rührt und zu rühren wagt, bedeutet schon Kampfansage zu einer Ent- 
scheidungsschlacht. Denn hier geht es vom ersten Augenblick an nicht 
um Verbesserungen, sondern um völlige Umstellung, nicht um Lehr- 
sätze, sondern um Grundsätze, nicht um Einzelheiten, sondern um das 
Ganze. Stirn an Stirn stehen sich zwei Denkformen, zwei Methoden 
gegenüber von so senkrechter Verschiedenheit, daß es zwischen ihnen 
keine Verständigung weder gibt noch jemals geben kann. Die alte, 
die vorfreudische Psychologie, eingebettet in die Ideologie von der 
Übermacht des Gehirns über das Blut, fordert vom Einzelnen, vom 
gebildeten zivilisierten Menschen, er solle seine Triebe durch die Ver- 
nunft unterdrücken. Freud antwortet grob und klar : Triebe lassen sich 
überhaupt nicht unterdrücken. Man könne Triebe bestenfalls zurück- 
drücken aus dem Bewußten ins Unbewußte, aber dann stauen sie sich, 
gefährlich verkrümmt, in diesem Seelenraum und erzeugen durch ihre 
ständige Gärung nervöse Unruhe, Verstörung und Krankheit. Völlig 
illusionslos, fortschrittsungläubig, rücksichtslos und radikal, stellt Freud 
fest, daß die von der Moral geächteten elementaren Triebkräfte der 
Libido einen unzerstörbaren und durch keine Zivilisation zu ver- 
nichtenden Teil des Menschen bilden, der mit jedem Embryo neu im 
Menschen geboren werde, ein Kraftelement, das man niemals beseitigen 
könne, niemals abtöten, sondern bestenfalls durch Überführung ins 
Bewußtsein zu ungefährlicher Tätigkeit umschalten. Gerade das also, was 
die alte Psychologie für die Erzgefahr erklärte, die Bewußtmachung, 
betrachtet Freud als heilsam, gerade was jene als heilsam empfand, die 
Unterdrückung, beweist er als gefährlich. Wo die alte Methode Zu- 
decken übte, fordert er Aufdecken. Statt des Ignorieren ein Identifi- 
zieren. Statt des Ausdemwegegehens das Eingehen. Statt des Vorbei- 
sehens ein Tiefhineinsehen. Statt der Vermäntelung die Entblößung. 

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Triebe kann nur zügeln, wer sie erkennt, die Dämonen nur derjenige 
bändigen, der sie aus ihrer Tiefe holt und frei ihnen ins Auge blickt. 
Medizin hat mit Moral und Scham so wenig zu tun, als mit Ästhetik 
oder Philologie, ihre wichtigste Aufgabe ist nicht, das Geheimste des 
Menschen zum Schweigen, sondern umgekehrt: um seiner völligen 
Aufdeckung willen zum Sprechen zu bringen. Gleichgültig also gegen 
den Vermäntelungs willen des Jahrhunderts, wirft Freud diese Probleme ■ 
des Selbsterkennens und Selbstbekennens des Verdrängten und Unbe- 
wußten in die Mitte der Zeit. Und damit beginnt nicht nur die Kur 
an zahllosen Einzelnen, sondern die Psychoanalyse der ganzen moral- 
kranken Epoche durch Überführung ihres eigentlichen Konfliktes aus 
der Verheuchelung in die Wissenschaft. 

Diese neugeforderte Methode Freuds nach einem völlig erbarmungs- 
losen Sichhinabbeugen in die eigene Tiefe, dieser Wille zur Entlarvung 
aller Wunschformen und Illusionen zu Gunsten einer wahrhaften Selbst- 
konfrontierung, sie ist heute langst keine bloße medizinische mehr, son- 
dern eine universale Geistwissenschaft. Sie hat nicht nur die An- 
schauung unserer Individualseele umgeschaffen, sondern die ganzen 
Grundfragen unserer Kultur und ihre Genealogie auf neue Grundlagen 
gestellt. Jeder, der durchaus die geistige und aufrüttelnde Leistung 
Freuds noch immer bloß von 1890 her und als bloß medizinische, 
bloß psychotherapeutische Angelegenheit bewerten will, begeht darum 
grobe Herabsetzung und flachgeistigen Irrtum, denn er verwechselt 
— bewußt oder unbewußt — den Ausgangspunkt mit dem Ziel. Daß 
Freud die chinesische Mauer der alten Seelenkunde zufällig von der 
ärztlichen Seite her durchstieß, ist historisch zwar richtig, aber nicht 
wichtig für seine Leistung. Denn nie entscheidet bei einem schöpferi- 
schen Menschen, von wo er ausgegangen, sondern einzig, wohin und 
wie weit er gelangt ist. Freud kam von der Medizin nicht anders wie 
Pascal von der Mathematik und Nietzsche von der Altphilologie: 
dieser Ursprung gibt seinem Werk eine gewisse Farbe, aber nicht 
seine Form und nicht seine Größe. Denn es wäre nachgerade heute 
im fünfundsiebzigsten Jahre seines Lebens Zeit zu bemerken, daß Freuds 
Werk und Wert längst nicht mehr auf der beinahe nebensächlich ge- 
wordenen Frage beruht, ob alljährlich durch die Psychoanalyse ein 
Schock Neurotiker mehr oder weniger geheilt werden, längst auch 

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nicht mehr auf einzelnen seiner theoretischen Glaubensartikel und Hy- 
pothesen. Ob die Libido sexuell „besetzt" ist oder nicht, ob der 
Kastrationskomplex und die narzißtische Einstellung, und ich weiß <■ 
nicht welche kodifizierten Glaubensartikel für die Ewigkeit kanonisiert 
werden sollen oder nicht, das ist alles langst Theologengezänk von 
Privatdozenten geworden und völlig belanglos für jene überdauernde 
geisteshistorische Entscheidung, die Freud mit seiner Entdeckung der 
seelischen Dynamik und seiner neuen Fragetechnik für unsere Welt 
erzwungen hat. Hier hat ein Mann mit seinem urtümlichen Blick das 
Bild des Alls geändert und daß es da tatsächlich um ein Umstürzen 
ging, daß sein „ Wahrheitssadismus " eine Weltanschauungsrevolution 
aller seelischen Fragen hervorgerufen hat — dieses Gefährliche seiner 
Lehre (nämlich ihnen gefährliche), haben als Erste nicht einmal seine 
Schüler, sondern mit der typischen Scharfsinnigkeit des Gegners die 
Vertreter der absterbenden Generation erkannt; sofort merkten sie 
alle mit Schrecken, die Illusionisten, die Optimisten, die Idealisten, 
die Anwälte der Scham und der guten alten Moral, hier tritt ein 
Mann ans Werk, der an allen Warnungstafeln vorübergeht, den kein 
Tabu schreckt und kein Widerspruch verschüchtert, ein Mann, dem 
tatsächlich nichts „heilig" ist, sondern dessen Wahrheitswille sich am 
liebsten darin entlädt, das Gefährlichste, das All erheiligste, das für 
unantastbar Erklärte anzutasten. Instinktiv haben sie gefühlt, daß knapp 
nach Nietzsche, dem Antichrist, mit Freud ein zweiter, großer Zer- 
störer der alten Tafeln gekommen ist, der Antiillusionist, der alle 
dekorativen Vordergründe mit seinem unbarmherzigen Röntgenblick 
durchleuchtet, der hinter der Libido den Sexus, hinter dem unschuldi- 
gen Kinde den Urmenschen, im trauten Beisammensein der Familie ur- 
alte gefährliche Spannungen zwischen Vater und Sohn und in den 
arglosesten Träumen die heißen Wallungen des Blutes entdeckt. In- 
stinktiv ist er ihnen unheimlich von Anfang an, dieser Mann mit 
seiner nervenlosen Sachlichkeit, der, gleichgültig gegen das Bibelwort, 
nicht nur die Scham des Vaters (der ihm vorausgegangenen geistigen 
Generation) aufdeckt, sondern die eines jeden und seine eigene. Ein 
solcher Mensch, der in ihren höchsten Heiligtümern, Kultur, Zivilisa- 
tion, Humanität, Moral und Fortschritt nichts anderes sieht als Wunsch- 
träume, wird er nicht — so quält sie ein unbequemes Ahnen schon 

— 16 — 



vom ersten Augenblick; an — mit seiner grausamen Sondierung am 
Ende noch weiter gehen? Wird dieser Bilderstürmer seine schamlose 
analytische Technik von der Einzelseele nicht schließlich noch auf die 
Massenseele übertragen? Am Ende gar die ganzen Fundamente der 
Staatsmoral und die so mühsam zusammengeleimten Komplexe der 
Familie mit seinem Hammer beklopfen und das Vaterlandsgefühl und 
sogar das religiöse mit seinen furchtbar fressenden Säuren zersetzen ? 
Tatsächlich, der Instinkt der absterbenden Vorkriegswelt hat richtig 
gesehen: der unbedingte Mut, die geistige Unerschrockenheit Freuds 
hat nirgendwo und nirgends Halt gemacht. Gleichgültig gegen Ein- 
spruch und Eifersucht, gegen Lärm und Stille, hat er mit der planen- 
den, unerschütterlichen Geduld eines Handwerkers seinen archimedischen 
Hebel weiter und weiter vervollkommnet, bis er ihn schließlich gegen 
das Weltall ansetzen konnte. Im siebzigsten Jahre seines Lebens hat 
Freud schließlich noch jenes Letzte unternommen, seine Methode vom 
Menschen an der ganzen Menschheit und sogar an Gott zu erproben. 
Er hat den Mut gehabt, weiter und weiter zu gehen, bis ins letzte 
Nihil und Nichts jenseits der Illusionen, in jenes großartig Grenzen- 
lose, wo es keinen Glauben mehr gibt, keine Hoffnungen und Träume, 
nicht einmal jene vom Himmel oder einem Sinn und einer Aufgabe 
der Menschheit; und sein Wille zur Verwahrheitlichung hat erst dort 
inne gehalten, wo die Wahrheit keinen Weg mehr findet: vor dem 
Geheimnis des Weltsinns. 

Sigmund Freud hat die Menschheit — herrliche Tat eines einzelnen 
Menschen — klarer über sich selbst gemacht: ich sage klarer, nicht 
glücklicher. Er hat einer ganzen Generation das Weltbild vertieft: ich 
sage vertieft, und nicht verschönert. Denn das Radikale beglückt nie- 
mals, es bringt nur Entscheidungen. Aber es gehört nicht zur Aufgabe 
der Wissenschaft, das ewige Kinderherz der Menschheit in immer neue 
beschwichtende Träumereien einzuwiegen, ihre Sendung ist, den Men- 
schen zu lehren, gerade und gerecht auf unserer harten Erde zu gehen. 
An dieser unerläßlichen Arbeit hat Sigmund Freud sein vorbildli- 
ches Teil getan, seine menschliche Härte ist im Werk zu Standbild und 
Dauer, seine Strenge zu geistigem Gesetz geworden. Niemals hat Freud 
um der Tröstung willen dem Menschen einen Ausweg ins Behagliche ge- 
zeigt, eine Flucht in irdische oder himmlische Himmelreiche, immer 

PsA, Bewegung 111 — 17 2 



nur den Weg in sich hinein, den gefährlichen Weg in die eigne Tiele. 
Seine Einsicht ist ohne Nachsicht gewesen, sein Schauen ohne Scham 
und Scheu. Wie ein Nordwind scharf und schneidend, hat sein Ein- 
bruch in eine dumpfe Atmosphäre viel goldene Nebel und rosige 
Wolken des Gefühls zerblasen und verscheucht, aber von den vertief- 
ten Horizonten liegt nun neuer Ausblick ins Geistige klar. Mit andern 
Augen, freier, wissender und ehrlicher sieht dank seiner eine neue 
Generation das Leben. Denn daß die gefährliche Psychose der Ver- 
heuchelung, die ein Jahrhundert lang die europäische Sitte verschüch- 
tert hat, endgültig gewichen ist, daß wir gelernt haben, ohne falsche 
Scham in unser Leben hineinzuschauen, daß uns Worte wie „Laster" 
und „Schuld" ein Grauen erwecken, daß die Richter, über die Trieb- 
übermächtigkeit der menschlichen Natur belehrt, manchmal mit Schuld- 
sprüchen zögern, daß die Lehrer heute Natürliches schon mit Natür- 
lichkeit nehmen und die Familie Offenes mit Offenheit, daß in die 
Sittlichkeitsauffassung mehr Aufrichtigkeit gekommen ist und mehr 
Kameradschaft in die Jugend, daß sich die Frauen freier zu ihrem 
Willen und ihrem Geschlecht bekennen, daß wir die Einmaligkeit jedes 
Einzelwesens zu respektieren gelernt haben und das Geheimnis in un- 
serem eigenen geistigen Wesen schöpferisch zu begreifen — all diese 
Elemente besseren und sittlicheren Geradegewachsenseins danken wir 
und unsere neue Welt in erster Linie diesem einen Manne, der den 
Mut hatte zu wissen, was er wußte und den dreifachen Mut, dies sein 
Wissen einer unwilligen und feige sich wehrenden Zeitmoral aufzu- 
zwingen. Manche Einzelheiten seiner Leistung mögen bestreitbar sein, 
aber was zählt das Einzelne angesichts einer geistigen Gestaltung, die 
längst alle Formen unseres Weltanschauens lebendig durchfließt! Ge- 
danken leben ebenso von der Bestätigung wie vom Widerspruch, ein 
Werk nicht minder von der Liebe wie vom Haß, den es erregt. Ins 
Lebendige überzugehen bedeutet allein den entscheidenden Sieg einer 
Idee, den einzigen Sieg, den wir bereit sind, heute noch zu ehren. 
Denn nichts erhebt in unserer Zeit schwankender Gerechtigkeit so sehr 
den Glauben an die Übermacht des Geistigen als das atmend erlebte 
Beispiel, daß es immer wieder genügt, daß ein einziger Mensch den 
Mut zur Wahrheit hat, um die Wahrhaftigkeit in der Welt zu ver- 
mehren. 

— 18 — 



Von 

Alexandre Herenger 

Aber das eigentliche Studium 
der Menschheit ist der Mensch. 
Goethe 
Obwohl der Goethepreis nicht etwa ein Buch über Goethe auszeichnen 
will, noch ein Werk, das durch das seinige angeregt wurde, noch 
irgendein bestimmtes literarisches Werk, so regt doch seine Zuteilung 
dazu an, die Beziehungen des Preisträgers zu dem großen Mann zu 
betrachten, den sie mit ihm zusammenbringt. Sie verlockt umsomehr 
dazu, da der Brauch — vielleicht das Statut — es fordert, daß der 
Ausgezeichnete diese Beziehungen in einer feierlichen Sitzung, in der 
er sein Diplom bekommt, selbst klar lege ; und es ist für den Kritiker 
die Versuchung groß, es besser zu machen als er. Und außerdem ver- 
leitet gerade die Satzung zu solchen Betrachtungen. Sie sagt: „Der 
Preis soll einer bekannten Persönlichkeit verliehen werden, deren 
schöpferische Tätigkeit einer dem Andenken Goethes geweihten Ehrung 
würdig ist." Beachten wir dabei, daß nicht von einem Werk, wohl 
aber von einer Tätigkeit, einem Einfluß, einem Wirken die Rede ist. 
Man sieht übrigens, wie sehr ein so weidäufiges und auch ungenau 
begrenztes Thema den leuchtendsten und phantasievollsten Wandlungen 
zugänglich ist. Stefan George, ein Dichter, — Albert Schweitzer, Exegete, 
Biograph, Arzt, Kolonisator, — Leopold Ziegler, politischer Essayist — 
haben vor Freud, dem Arzt und Psychologen, nacheinander den Scharf- 
sinn jener herausgefordert, die Parallelen aufzeigen wollten, an die sie 
ohne dieses zufällige Zusammentreffen niemals gedacht hätten. 
Ein unnützes Spiel! Es gibt keinen großen Menschen, der nicht 

i) „Die psychoanalytische Bewegung" hat die Zuerkennung des Goethepreises an Sig- 
mund Freud in den Mittelpunkt eines besonderen Heftes gestellt. Man vgl. das Heft 5 
des vorigen Jahrgangs (Sept.-Okt-Heft 1930) und darin die Aufsätze von Paquet, Witteis, 
Muschg, Reik, auch die im Frankfurter Goethehaus verlesene Ansprache Freuds. Im 
darauffolgenden Heft (Nov.-Dez.-Heft 1930, S. 590 ff.) haben wir eine Übersicht über 
die Äußerungen in deutschen Zeitungen und Zeitschriften über die Zuerkennung des 
Goethepreises an Sigmund Freud gegeben. Jetzt können wir auch die Originalarbeit 
eines Franzosen hier veröffentlichen. Sie ist aus dem Manuskript von Dr. Fritz L e h n e r 
(Wien) übersetzt worden, {Anmerkung des Herausgebers.) 

— 19 — 



durch irgendeinen Zug an Goethe erinnern würde, oder der sich 
nicht mehr oder minder mit ihm beschäftigt hätte. Und wenn man 
uns zeigt, daß Freud die Metaphysik verachtet, 1 oder daß auch er von 
Mephistophelischem nicht frei ist, daß ihn der „Faust" entzückt und 
daß er ihn mit bemerkenswerter Sicherheit zitiert; wenn man in der 
Psychoanalyse die bewundernswerte Einfachheit der Prinzipien rühmt 
und die unendliche Vielfalt dessen, was sich aus ihnen entwickelt, eine 
Tatsache, die Goethe entzückt hätte ; wenn man schließlich mit präch- 
tigem Schwung die einmalige Gestalt des einen dem unberechenbaren 
Einfluß des andern gegenüberstellt, - hat man damit etwas aufgezeigt, 
was ausschließlich Freud zukommt? Und haben wir dadurch sein Werk 
oder das Goethes leichter erfaßt? 

Darum glauben wir, da man dem Gebieterischen dieser Gegenüber- 
stellung nicht entgehen kann, es sei wertvoller, an diesem Werk un- 
abhängig vom Schöpfer (da ja jede Wissenschaft, die dieses Namens 
würdig ist, auch durch sich selbst bestehen muß, und die Psychoana- 
lyse ist eine Wissenschaft) die Verwandtschaft und Kongruenz auf- 
zuzeigen, welche sie mit dem Werk Goethes hat oder vielmehr mii 
den Intuitionen, die hier aufklingen. Aber so richtig auch in der 
Augen Freuds und seiner Schüler die blitzartigen psychoanalytischer 
Einsichten der Dichter sind, die sie berechtigterweise über die profes 
sionellen Psychologen stellen und mit welcher Freude auch immer Sil 
ihre Entdeckungen mit solchen Einsichten schmücken mögen — manch 
mal nennen sie sogar jene nach diesen — , so verdanken sie ihnen 
wie gleich betont werden soll, nicht mehr als ein Plus an Glanz: wei 
die Entdeckungen den Beweis in sich tragen, den aUe dichterische! 
Eingebungen miteinander so wenig begründen könnten, wie ihr Fehle 
ihn nicht schwächen würde. 



Schon lange haben Geister, die mit beiden Welten vertraut sine 
bei Goethe auf jene Züge hingewiesen, in denen sie die Grundlinie 
der Psychoanalyse zu erkennen glauben. Da gibt es besonders zw« 
leicht zugängliche Beispiele, von denen ich aber meine, daß sie di 

l) Läßt er sich ja ironisch über die Philosophen aus, „die eingestandenermaßen d 
Lebensweise ohne einen solchen Baedeker, der über alles Auskunft gibt, nicht ausführb 
finden" (Hemmung, Symptom und Angst, Ges. Schriften, Bd. XI, S. 33). 

— 20 — 



Versprechungen nicht erfüllen, die man ihnen zuschreibt: die Geschichte 
mit Plessing und die der Caroline Herder. Sehen wir uns diese 
beiden näher an. 

Am 29. November 1777 1 verließ Goethe heimlich Weimar, bei 
dunklem Wetter, aber „mit reiner Ruhe im Herzen", um im Harz, in 
Wernigerode, einen gewissen Friedrich Plessing aufzusuchen, der ein 
bäuerlicher und wilder Werther war und von dem er leidenschaft- 
liche Briefe erhalten hatte, die ihn, wie man sagt, anzogen und zu- 
gleich abstießen. Nach langem Zögern packte ihn schließlich die Neugier, 
zu sehen, „welcher Körper sich einen so seltsamen Geist gebildet hatte" 
und er faßte den Entschluß, ihm zu helfen. Ihn hält nichts zurück, 
nicht Sturm, Schnee, zugefrorener Teich, Wüste, auch nicht der Miß- 
erfolg früherer Versuche. Die Zahl jener Menschen, denen er hatte 
helfen wollen, war sehr groß. Ach! Sie liebten ihre Not und Goethe 
gesteht, daß sie ihm ein Hindernis waren, ohne daß er es vermocht hätte, 
sie zu sich emporzuziehen. Wird er diesmal mehr Glück haben als sonst? 
Er kommt in Wernigerode an und richtet es so ein, daß er Plessing 
incognito begegnet. Der war ein junger, höflicher, schwermütiger Mann 
von 28 Jahren — so alt wie er. Goethe erkennt bald seine Krank- 
heit: Egoismus, Bildung durch Bücher, vereinsamt, exzessives Innen- 
leben, das sich in keinem Talent ausleben kann; er entdeckt auch 
jene Flucht vor der Realität und die entfesselte Phantasie, welche die 
Introvertierten kennzeichnet. Heilmittel: Betrachtung der Natur und 
herzliches Mitfühlen mit der Welt. Dann verließ er den Jüngling, den 
er anscheinend ein wenig beruhigt hatte. 

Goethe schrieb ihm noch mehrere Male. Er ermutigt ihn beispiels- 
weise am 26. Juli 1782, indem er auf sein eigenes Leben hinweist, 
das auf Verzicht aufgebaut ist. Er sieht ihn im folgenden Jahr in 
Weimar wieder, 1792, rückgekehrt von der Campagne in Frankreich, 
in Duisburg. Plessing unterrichtet dort Philosophie. Er beschäftigte sich 
damals (wie Goethe am 10. Dezember an Jacobi schreibt) hauptsächlich 
mit antediluvianischen Forschungen, mit mystischen Träumereien, wie 
Neurotiker sie lieben und die wenig dazu geeignet waren, ihn in seiner 

1) Ich benütze für diesen Bericht das Tagebuch Goethes, seine Briefe an Frau 
von Stein und die zwei Erzählungen, die er über sein Abenteuer in „Kunst und Alter- 
tum" (1821) und in der „Campagne in Frankreich" (1822) veröffentlicht hat. 

— 21 — 



Not zu heilen. Er machte jedoch aus ihnen einige sehr geschätzte 
Bücher. Er starb 1806. 

Das Seltsamste an dieser Angelegenheit besteht darin, daß Goethe, 
um seinen Besuch zu rechtfertigen, in beiden Berichten sich auf die 
Gelegenheit einer Jagd beruft, welche seine Weimarer Freunde ver- 
anstaltet hatten. Aber dieser Zusammenhang wird durch sein Tagebuch 
widerlegt. Es scheint demnach, daß ein ihm gefälliges Gedächtnis einen 
Schritt hat entschuldigen wollen, bei dem er stärker engagiert war, als 
er hat glauben wollen. Die Dichtung, die diesem Schritt folgt („Harz- 
reise im Winter"), beweist übrigens, wie sehr er sich mit seinem 
Kranken identifiziert. Berichtet er aus dem gleichen Grund in der 
„Campagne in Frankreich" nur von einer einzigen Unterredung, wäh- 
rend das Tagebuch von mehreren weiß? Und verjüngt er sich auch 
aus gleichem Grund um ein Jahr, indem er die Geschichte ins Jahr 
1776 verlegt? Man glaubt, von einem andern zu berichten und be- 
schuldigt nur sich selbst . . . 

Die Geschichte von der Caroline Herder ist weniger romantisch. 
„Gestern abend", schreibt Goethe an Frau von Stein, am 5. September 
1785, „habe ich ein recht psychologisches Kunststück gemacht. Die 
Herder war noch immer auf das Hypochondrische gespannt über alles, 
was ihr in Karlsbad Unangenehmes begegnet war. Besonders von ihrer 
Hausgenossin. Ich ließ mir alles erzählen und beichten, fremde Un- 
arten und eigene Fehler, mit den kleinsten Umständen und Folgen 
und zuletzt absolvierte ich sie und machte ihr scherzhaft unter dieser 
Formel begreiflich, daß diese Dinge nun abgetan und in die Tiefe des 
Meeres geworfen seien. Sie ward selbst lustig drüber und ist wirklich 
kuriert." 

Sie war derart geheilt, daß er drei Jahre später an Herder schreiben 
konnte: „Deine Frau sehe ich von Zeit zu Zeit und öfter, wenn der 
geistliche Arzt nötig sein will. Ich habe manche Dose moralischen 
cremor tartari gebraucht, um die Schwingungen ihrer elektraischen 
Anfälle zu bändigen." 4 (Ein schöner Name für einen Komplex!) Und 
damit schließt diese Geschichte. 



4) 27. Dezember 1788. Herder war damals in Rom. Man zitiert diesen Brief nicht; 
er ist aber doch sehr lehrreich. 



— 22 — 



r 



Ich gestehe, daß ich nicht begreifen kann, wie man in der einen 
oder in der anderen Intervention einen auch noch so vagen Versuch 
einer Psychoanalyse sehen kann. Sie enthalten nichts, was über eine 
moralvolle Zuspräche, wie der Doktor Dubois und alle Psychiater der 
alten Zeit sie liebten (und die von den Analytikern zurückgewiesen 
wird) hinausgeht, oder über eine gewöhnliche Beichte. Das Beste, was 
man von solcher Therapeutik sagen kann, wäre etwa, daß sie von einem 
klugen Herzen ausgeht, und (in den gutmütigen Fällen) von einer 
richtigen Einsicht in die Dinge. Für ein kleines Übel eine kleine 
Arzenei. Die kurze Erschütterung, die sie in dem Kranken hervorrufen 
wird — und die allein ein wenig an den Dynamismus der Psycho- 
analyse erinnern macht — kann den leisen Konflikt, an dem er leidet, 
beschwichtigen, vielleicht sogar beseitigen, und unter Umständen sogar 
dauernd. In den schweren Fällen bleibt diese Methode so unwirksam 
wie die Duschen, welche von den Kaltwasserverkäufern angeordnet 
werden: sie dringen nicht durch die Haut. Sie wendet sich auch nur 
an das Bewußte des Patienten, der dann das sagt, was er weiß. Sie 
hilft ihm nicht, sein Unbewußtes freizulegen, das Verdrängte, den 
dunklen Konflikt zu klären, der die eigentliche Ursache seiner Krank- 
heit ist. Ihre Symptome stellen Zeichen dar, die eine solche Therapie 
nicht zu entziffern vermag, oder die ein Trugbild sind, das sie für die 
Wirklichkeit nimmt. Sie gerät dadurch selbst mitten in die Komödie 
hinein, die der Kranke sich vormacht und von der er, allerdings un- 
bewußt, weniger genarrt wird als sie. Es kann demnach weder von 
Widerstand die Rede sein, noch von Übertragung und dadurch von 
Analyse ; es kann sich auch nicht darum handeln, eine neue Einstellung 
des Ich dem Unbewußten gegenüber herzustellen oder die instinktiven 
Reaktionen dem Unbewußten oder der Welt gegenüber auf welche 
Art immer zu ändern. 

Das beweist übrigens die Erfahrung. Von diesen beiden Neurotikem 
(ich maße mir nicht an, ihren Fällen analytisch näherzutreten) war der 
eine, Plessing, offenkundig an Ängsten erkrankt, vom Schatten des 
ödipus verfolgt, ein angenagter Narzißt, der von krankhaftem literari- 
schem Ehrgeiz verzehrt wird (eine Spezies, welche die Vorzimmer der 
Verleger füllt), die andere, Caroline Herder, eine Zwangsneurotikerin, 
natürlich eifersüchtig und bösartig, voll von hochmoralischen For- 

— 23 — 



[ 



derungen an die Umwelt; beide nur leicht erkrankt, da sie ja recht 
und schlecht ihre Verpflichtungen im Leben erfüllten: Plessing hat 
promoviert, Caroline war das Glück des Generalintendanten der Kirche 
in Weimar. Sie blieben auch später, was sie vorher waren : die Herder 
beklagte sich auch weiterhin über die Leute, die sich über sie zu be- 
klagen hatten und litt an den Stacheln, mit denen sie andere ver- 
letzen wollte; und Plessing jammerte über die Unzulänglichkeit einer 
Welt, der er nicht entsprach ; und da er in ihr kein Geld hatte (Goethe 
hat ihm noch 1803 eine Summe geliehen) zog er es vor, in ein goldenes 
Zeitalter zu entfliehen. 



Es mag paradox klingen: Goethe war umso weniger imstande, das 
Unbewußte — das eigentliche Objekt der Psychoanalyse — zu durch- 
forschen, je mehr er ihm an Wert zumaß. Schon 1782 schrieb er an 
Lavater : „Das was der Mensch an sich bemerkt und fühlt, scheint mir 
der geringste Teil seines Daseins." Aber zu gleicher Zeit bemerkte er: 
„ ... es fällt ihm mehr auf, was ihm fehlt, als das was er besitzt, er 
bemerkt mehr was ihn ängstigt als das was ihn ergötzt und seine Seele 
erweitert." Er kommt noch öfters auf die Gefahren zu sprechen, die 
er in der Introspektion entdeckt, — zweifellos, um sich besser gegen 
das Heranrücken des Unbewußten zu verteidigen. „Wenn der Mensch 
über sein Physisches oder Moralisches nachdenkt, findet er sich ge- 
wöhnlich krank." 5 — „Dem ist es schlecht in seiner Haut, der in 
seinen eigenen Busen schaut." 8 Die Analyse deckt nicht nur die wahren 
und eingebildeten Leiden auf, sie selbst ist für ihn eine Quelle der 
Gewissensqualen, Ungewißheit, Zweifel. 

„So wunderbar ist dies Geschlecht gebildet, 

So vielfach ist's verschlungen und verknüpft, 

Daß Keiner in sich selbst, noch mit den Andern 

Sich rein und unverworren halten kann. 

Auch sind wir nicht bestellt, uns selbst zu richten; 

Zu wandeln und auf seinen Weg zu sehen 

Ist eines Menschen erste, nächste Pflicht: 



5 ) Aphorismen. Jubiläumsausgabe, Bd. IV, S. 202. (Nach dieser Ausgabe auch die 
weiteren Zitate.) 

6) Zahme Xenien. (IV. S. 69.) 

— 24 — 



Denn selten schätzt er recht, was er getan, 
Und was er tut, weiß er fast nie zu schätzen." 7 

Oder : „ ... ein zu zartes Gewissen, welches das moralische Selbst 
so hoch schätzt, daß es ihm nichts verzeihen will, macht hypochondrische 
Menschen, wenn es nicht durch eine große Tätigkeit balanciert wird." 8 

Er hält die Introspektion nicht nur für gefährlich, sondern auch für 
zwecklos. Immer wieder spricht er es aus: „Erkenne Dich! Was hab' 
ich da für Lohn? Erkenn' ich mich, so muß ich gleich davon." 9 „Man 
hat zu allen Zeiten gesagt und wiederholt, man solle trachten, sich 
selber zu kennen. Dies ist eine seltsame Forderung, der bis jetzt nie- 
mand genüget hat und der eigentlich auch niemand genügen soll. Der 
Mensch ist mit allem seinen Sinnen und Trachten aufs Äußerste an- 
gewiesen, auf die Welt um ihn her und er hat zu tun, diese insoweit 
zu kennen und sich insoweit dienstbar zu machen, als er es zu seinen 
Zwecken bedarf. Von sich selber weiß er bloß, wenn er genießt oder 
leidet, und so wird er auch bloß durch Leiden und Freuden über sich 
belehrt, was er zu suchen und was er zu meiden hat. Übrigens aber 
ist der Mensch ein dunkles Wesen, er weiß nicht, woher er kommt, 
noch wohin er geht, er weiß wenig von der Welt und am wenigsten 
von sich selber. Ich kenne mich auch nicht, und Gott soll mich auch 
davor behüten." I0 „Ich behaupte, der Mensch kann sich nie selbst 
kennen lernen, sich nie rein als Objekt betrachten. Andere kennen 
mich besser als ich mich selbst. (Schöne Überschrift für eine Psycho- 
analyse Goethes.) Nur meine Bezüge zur Außenwelt kann ich kennen 
und richtig würdigen lernen, darauf soll man sich beschränken. Mit 
allem Streben nach Selbsterkenntnis, das die Priester, das die Moral 
uns predigen, kommen wir nicht weiter im Leben, gelangen weder 
zu Resultaten noch zu wahrer innerer Besserung."" — „Wie kann 
man sich selbst kennen lernen? Durch Betrachten niemals, wohl aber 
durch Handeln. Versuch deine Pflicht zu tun, und du weißt gleich, 
was an dir ist." 13 . 

7) Iphigenie (XII, 68.) 

8) Gespräche mit Eckermann, 6. Juni 183t. 

g) Aphorismen (IV, 29). 10) Zahme Xenien (IV, 64). 

11) Zu F. v. Müller (Biedermann, Goethes Gespräche, Ges. Ausg., Leipzig, 1909, 
Nr. 2235). 

12) Aphorismen (IV, 224). 

— 25 — 



Kann man energischer die Introspektion verdammen, diesen furcht- 
baren, trügerischen und sozusagen frevelhaften Einbruch ins Unbewußte? 

Kein Zweifel: 

„All unser redliches Bemüh'n 

Glückt nur im unbewußten Momente. 

Wie mochte denn die Rose blühn, 

Wenn sie der Sonne Herrlichkeit erkennte?" 13 

„Der Mensch kann nicht lange im bewußten Zustande oder im Be- 
wußtsein verharren; er muß sich wieder ins Unbewußtsein flüchten, 
denn darin lebt seine Wurzel." 1 * 

Allerdings schreibt Goethe m „Dichtung und Wahrheit" : „Wie spät 
lernen wir einsehen, daß wir, indem wir unsere Tugenden ausbilden, 
unsere Fehler zugleich mit anbauen. Jene ruhen auf diesen wie auf ihrer 
Wurzel, und diese verzweigen sich insgeheim ebenso stark und so mannig- 
faltig als jene im offenbaren Licht. Weil wir nun unsere Tugenden meist 
mit Willen und Bewußtsein ausüben, von unseren Fehlern aber un- 
bewußt überrascht werden, so machen uns jene selten einige Freude, 
diese hingegen beständig Not und Qual. Hier liegt der schwerste Punkt 
der Selbsterkenntnis, der sie beinah unmöglich macht." 15 Dieser Text, 
der so eindeutig der vorletzten Maxime widerspricht und den Theo- 
rien über die Allmacht des Dämons, wie sie Goethe geläufig sind, 
scheint mir nur durch den Einfluß Kants erklärbar. Er wird von 
einem gleichen Gedankengang gelenkt wie der Satz in dem Brief an 
Knebel (am 8. April 1812): „Wir handeln eigentlich nur gut, inso- 
fern wir mit uns selbst bekannt sind", nachdem es kein wahres 
Gutes gibt als jenes, das durch Überlegung und Gewissen gewonnen 
wird. Muß man hinzufügen, daß nichts Goethe ferner ist als eine 
solche Erkenntnis? Er hielt natürlich die Moral für eine an den Instinkt 
gebundene Eigenschaft des Menschen, die sich so wie das Schöne „aus 
dem ganzen Komplex der gesunden menschlichen Natur" 1G entwickelt. 
(Man entdeckt nicht ohne Staunen, daß Goethe in dem oben zitierten 
Absatz aus „Dichtung und Wahrheit" dem Bösen einen dunklen und un- 
unterscheidbaren Ursprung zuschreibt, der sehr gut den oft bösartigen 

13) Zahme Xenien (IV, 59). 

14) Zu Riemer (Biedermann, Nr. 137). 

15) Jub.-Ausg, XXIV, 15g. 

16) Zu Carlyle, 14. März 1828. 



26 



Impulsen des Es entspricht — dem instinktbegabtesten und ursprüng- 
lichsten Teil des Unbewußten.) 

Man darf aber daraus nicht schließen, daß Goethe dem Bewußtsein 
nicht seinen Anteil lasse. Er ist zu vernünftig, um dessen Rolle in der 
Führung eines Lebens zu übersehen. Er grenzt jedoch seine Macht ein: es 
hat unsere Handlungen zu bewerten und unsere Beziehungen zu der äußeren 
Welt zu überwachen. Darum lobt er eine tägliche Übersicht des Geleisteten 
und Erlebten im Tagebuch, denn „sie führt zur Gewissenhaftigkeit . . . 
Fehler und Irrtümer treten bei solcher täglicher Buchführung von selbst 
hervor, die Beleuchtung der Vergangenheit wuchert für die Zu- 
kunft." " Und in solchem Sinn gibt er auch die einzige für ihn 
gültige Erklärung des berühmten „Erkenne Dich selbst!": „Es ist 
keineswegs die Heautognosie unserer modernen Hypochondristen, 
Humoristen und Heautontimorarumenen gemeint; sondern es heißt 
ganz einfach : Gib einigermaßen acht auf dich selbst, nimm Notiz von 
dir selbst, damit du gewahr werdest, wie du zu deinesgleichen und 
der Welt zu stehen kommst." 18 

Es ist hier nicht der Ort, an dem untersucht werden soll, was ein 
solches Bemühen, das Unbewußte zu verteidigen, an Besorgnis verrät, 
und welche Gründe Goethe gehabt haben mag, sich nicht kennen zu 
wollen. Es genüge der Hinweis, daß diese Äußerungen eine für ein 
so hellsichtiges Genie eigenartige Haltung aufzeigen, eigenartig für 
einen Geist, der sein ganzes Leben hindurch jene Dämone bekämpfte, 
die er so eifersüchtig beschirmt. Kann sich aber auch die Psychoanalyse 
nicht auf Goethes Haltung berufen : es wäre vergebliche Mühe, diese 
Haltung gegen sie auszunützen. Beleidigen wir Goethe nicht durch 
die Meinung, er hätte die Analyse verkannt, würde er heute leben! 
Weil sie zu seiner Zeit noch nicht existierte, und weil durch das 
Fehlen einer „korrekten" Methode alle Wege zur Introspektion ver- 
sperrt waren, spricht er der Innenschau jeden Wert ab. Mit gutem 
Recht. Damals bestand eben alle Weisheit darin, sich seiner Krankheit 
anzupassen und zu verzichten. (Sollte die Resignation, die bei Goethe 
eine so überragende Rolle spielte, nicht hier ihre Wurzeln haben?) 



17) Zu F. v. Müller (Biedermann, Nr. 2520). 

1 8) Aphorismen (IV, 236). 

— 27 - 



So schrieb er an Frau von Stein (am 4- Dezember 1777), während 
jener Harzreise : „Die Götter allein wissen, was sie wollen und was sie 
von uns wollen: ihr Wille geschehe!" Und in dem nach seiner Reise 
benannten Gedicht (Jub.-Ausg. II, 48)- durch das der tragische Schatten 
Plessings huscht: 



„Denn ein Gott hat 

Jedem seine Bahn 

Vorgezeichnet, 

Die der Glückliche 

Rasch zum freudigen 

Ziel rennt : 

Wem aber Unglück 



Das Herz zusammenzog, 
Er sträubt vergebens 
Sich gegen die Schranken 
Des ehernen Fadens, 
Den die doch bittere Schere 
Nur einmal löst." 



Bezweifeln wir nicht, daß er die genialen Entdeckungen Freuds wie 
eine Befreiung begrüßt hätte, und daß sie auf das Leidenschaftlichste 
seine Neugier erregt haben würden. Denn auch er erkannte jene un- 
entdeckte Welt, ihre dunkle Macht, ihre Ungeheuer; und was niemand 
in seinem Werk bemerkt zu haben scheint, er beschreibt sogar aul 
das Packendste einige ihrer Züge. 

•'r 

Ich will mich dabei nicht auf die „zwei Seelen in meiner Brust" be- 
rufen oder auf das bekannte „Dichtung ist Befreiung" ; auch nicht auf 
das Geständnis Goethes, daß sein Werk nichts anderes als eine 
lange Beichte sei: denn er verstand dieses Wort gewiß in einem an- 
dern Sinn als die Psychoanalyse und wäre zweifellos überrascht, wenn 
man ihm zeigen wollte, daß in diesem Bekennen mehr enthalten sei, 
als er hat hineinlegen wollen. Er wäre überrascht, aber nicht böse : er würde 
die Aufdeckung seiner Komplexe mit der gleichen Freundlichkeit 
empfangen haben, wie er jene Exegese aufgenommen hat, die der 
Doktor Kannegießer, Rektor des Gymnasiums zu Prenzlau, an seiner 
rätselhaften „Harzreise im Winter" versuchte, oder vor ihm Philipp 
Moritz und Ferdinand Delbrück. Er lobt an ihren Arbeiten, daß sie 
so ins Feinste hinein alles erfaßt hatten, was bei ihm nur Anspielung, 
Schweigen, Geheimnis gewesen, und er wollte selbst einen Kommentar 
anschließen, der das Muster einer Analyse ist. Freud, Hitschmann, Reik, 
Neufeld, Rank, Baudouin, Jones, Laforgue, alle Psychoanalytiker, die 



— 28 — 






das Geheimnis des Kunstwerks aufklären wollen, haben das Recht, 
ihn als Schutzherrn anzusprechen. 

Ich will auch nicht auf die Hellsichtigkeit besonders hinweisen, mit 
der er das Band erkannt hat, das die Liebe an die Verwandtschafts- 
affekte fesselt, und das in der „Iphigenie", in diesem Gedicht oder 
jenem Brief an die Frau von Stein sichtbar wird 19 : weil auch andere 
Schriftsteller dazu Beispiele liefern. Wir können über solche Begeg- 
nungen hinwegsehen . . . Aber weiß der große Freud, daß seine 
grundlegende Konzeption vom Traum — diese „via regia" der Psycho- 
analyse — welche behauptet, daß der Traum nur der Ausdruck eines 
Wunsches ist, wortwörtlich in „Nausikaa" vorformuliert ist? (Wer 
hätte sie auch dort gesucht?) 

. . : denn mich hat ein Traum, 

Ein Traum verführt, der einem Wunsche gleicht. 
Zufall? Hören wir weiter. Eurymedusa antwortet der Nausikaa, die 
wegen ihrer Leichtgläubigkeit errötet — oder wegen ihrer Kühnheit: 

Erzähle mir; denn alle sind nicht leer 

Und ohne Sinn, die flüchtigen Gefährten 

Der Nacht. Bedeutend fand ich stets 

Die sanften Träume, die der Morgen uns 

Ums Haupt bewegt. 

Man sieht zwar, daß Eurymedusa nicht so weit geht wie Freud . . . 
sie sagt aber das Wesentliche. Freud hat recht: die Dichter sind große 
Propheten und erstaunliche Psychologen. 

Hier noch ein Beispiel, diesmal in Prosa, und so deutlich formuliert, 
als hätte Freud selbst es geprägt. Man findet es im Tagebuch Ottiliens 80 
(Frauen haben wirklich tiefe Einsichten!): „Man weicht der Welt 
nicht sicherer aus als durch die Kunst, und man ver- 
knüpft sich nicht sicherer mit ihr als durch die Kunst." 

Diese beiden Zeilen enthalten nicht weniger als die fruchtbare Theorie 
Freuds von der Kunst und von der Natur des Künstlers. Lesen wir 
bei ihm nach : „Es gibt nämlich einen Rückweg von der Phantasie zur 
Realität, und das ist — die Kunst. Der Künstler ist im Ansätze auch 
ein Introvertierter, der es nicht weit zur Neurose hat. Er wird von 
überstarken Triebbedürfnissen gedrängt, möchte Ehre, Macht, Reichtum, 

19) So auch den Brief an Lavater, 20. Sept. 1780. 

20) Wahlverwandtschaften (XXI, 191.) 

— 29 — 



Ruhm und die Liebe der Frauen erwerben; es fehlen ihm aber die 
Mittel, um diese Befriedigungen zu erreichen. Darum wendet er sich 
wie ein anderer Unbefriedigter von der Wirklichkeit ab und überträgt 
all sein Interesse, auch seine Libido, auf die Wunschbildungen seines 
Phantasielebens . . ."" „Seine Schöpfungen, die Kunstwerke, waren 
Phantasiebefriedigungen unbewußter Wünsche, ganz wie die Träume . . . 
Aber zum Unterschied von den asozialen, narzißtischen Traumproduk- 
tionen waren sie auf die Anteilnahme anderer Menschen berechnet, 
konnten bei diesen die nämlichen unbewußten Wunschregungen be- 
leben und befriedigen . . . eM „Kann er das alles leisten, so ermöglicht 
er es den Anderen, aus den eigenen unzugänglich gewordenen Lust- 
quellen ihres Unbewußten wiederum Trost und Linderung zu schöpfen, 
gewinnt ihre Dankbarkeit und Bewunderung und hat nun durch 
seine Phantasie erreicht, was er vorerst nur in seiner Phantasie erreicht 
hatte: Ehre, Macht und Liebe der Frauen." ss „...Anders als der 
Neurotiker verstand er den Rückweg aus ihr [aus der Phantasiewelt] 
zu finden und in der Wirklichkeit wieder festen Fuß zu fassen." 24 

Hier möge Freud mir hinzuzufügen gestatten, daß er sie auch un- 
abhängig vom Erfolg — den er nicht immer erreicht — darin wieder- 
findet, daß er sie wieder weckt, ja wieder schafft und manchmal realer 
als die Natur selbst ist. Er kommt mit ihr überdies durch die Tatsache 
zusammen — und bricht dadurch mit dem Traum und der Neurose 
— daß das Erschaffen eines Gedichts, eines Dramas Handlungen sind, 
die Entschluß fordern, die Fähigkeit, auswählen zu können, Willen, 
Herrschaft, Tugenden, welche dem gemein sind, der das Wirkliche 
versucht und das Leben zu beherrschen vorgibt. Und es wird ihm 
umso glücklicher gelingen, da ja das Kunstwerk selbst der Wirk- 
lichkeit entspringt und fast immer nur die Reaktion auf ein Ereignis 
ist, das mit Hilfe der Komplexe des Dichters seine Träume weckt, 
seine Wünsche, Sehnsucht und schließlich seine Dämone, die unge- 
duldig abwarten, ob er sie betrügt oder befriedigt. 



21) Freud, Vorlesungen, Ges. Sehr. VII, 390. 

22) Freud, Selbstdarstellung, Ges. Sehr. XI, 176. 

23) Vorlesungen, Ges. Schi. VII, 391. 

24) Selbstdarstellung, Ges. Sehr. XI, 176. 



30 — 



Von der Höhe jenes schönen Planeten aus, den Goethe in seinem 
unbesiegbaren Glauben an die Unsterblichkeit zu lenken hoffte und 
den er vielleicht lenkt, hat seine große Seele sich darüber freuen 
müssen, den Namen, den er auf Erden trug, mit dem des genialen 
Psychologen verbunden zu sehen, dessen Kommen sie vorausgefühlt 
hatte. Wer weiß — er glaubte an den Einfluß der Planeten — ob 
nicht er selbst es seinen Mitbürgern eingegeben hat, den Menschen zu 
krönen, in dem mehr als in irgendeinem andern heute Lebenden seine 
Leidenschaft für die Wahrheit und sein Ideal von Größe Körper ge- 
worden sind? Denn was die Stadt Frankfurt an Freud hat preisen 
wollen, ist weniger das Genie des Schöpfers der Psychoanalyse — 
jener Disziplin,, die nicht nur die leidende Seele befreit, sondern auch 
die Wissenschaft vom Geist erneuert, ja begründet hat, und deren 
Wert für die Kultur vermöge ihrer Auswirkungen auf die Kunst, die 
Religion, die Soziologie, die Erziehung, auf das Recht und das ge- 
schichtliche Geschehen noch unabschätzbar ist; es ging der Stadt Frank- 
furt auch nicht um den Schriftsteller, dessen strenge, inhaltsreiche, ge- 
drängte Sprache an Reinheit jener der Meister gleicht, auch nicht um 
den blendenden Hervorzauberer neuer Worte, die den Wortschatz 
aller Völker bereichern; auch nicht — die Antisemiten mögen ver- 
zeihen — um den großen Deutschen, um jenen, der neben Einstein 
für Deutschland — und für die Welt — Ehre, neue Ehre eingelegt 
hat; es ging ihr um den Heros, der dreißig Jahre lang gekämpft hat, 
allein gegen alle andern, allem Hohn zum Trotz, aller Verachtung, allen 
Beleidigungen, selbst allem Totschweigen zum Trotz, ohne auch nur 
eine einzige Konzession zu machen, auch nur einmal zu schmeicheln, 
über keine anderen Waffen verfügend, als über die der Vernunft, des 
Mutes und der Wahrheit, — ein Heros im goetheschen Sinn, der aus 
innerem Bedürfnis weiß, daß es „nichts Größeres als das Wahre gibt" 25 
und daß das „erste und letzte, was vom Genie gefordert wird (was 
es von sich selbst verlangt) Wahrheitsliebe ist". 86 



25) An Frau von Stein, 8. Juni 1787. 

26) Aphorismen, IV, 226. 



I 

— 31 — 



Prozeß Halsmann 



Von 



Signi. Freud 



Der Fall Halsmann — man vgl. dazu auch den vor einem Jahn 
in dieser Zeitschrift erschienenen Aufsatz „ödipus in Innsbruck" von 
Erich Fromm (II. Jg., Heft i, S. 75 ff,) — ist durch die Begnadi 
gung des wegen Vatermordes verurteilten Studenten Philipp Hals 
mann moralisch noch nicht erledigt. Männer, deren unbeirrbare 
Urteilsschärfe über allen Zweifeln erhaben ist, sehen im Innsbrucker 
Urteil einen groben Justizirrtum und führen um die Ehrenrettung 
seines Opfers einen publizistischen Kampf. Vor allem ist es Dr. Josef 
K u p k a, Professor der Rechte an der Universität in Wien, der in 
der Öffentlichkeit an den österreichischen Staat appelliert, an die 
Ehrenpflicht Österreichs, „das Unrecht zu tilgen, daß ein grundlos 
Verurteilter noch immer als Urheber eines schändenden Verbrechens 
gilt." Es handle sich nicht nur um die Rehabilitierung Halsmanns, 
sondern auch um die der österreichischen Justiz. In einer ausführ- 
lichen Studie („Fiat Justitia", Neue Freie Presse, 29. u. 30. Nov. 
1930) weist er auf die Nichtigkeit der Urteilsgrundlagen hin und 
zerpflückt auch jenes peinliche Innsbrucker Fakultätsgutachten, das 
zu einer für österreidi beschämenden Berühmtheit gelangt ist. Ins- 
besondere, daß sie den Ödipuskomplex herangezogen hatten (was sie 
übrigens für nicht unvereinbar mit ihrer grundsätzlichen Gegner- 
schaft zur Psychoanalyse erachteten), gab dem Elaborat der Inns- 
brucker Professoren ein groteskes Gepräge. Prof. Kupka begnügte 
sich nicht damit, selbst vortrefflich die Unhaltbarkeit jenes Jonglie- 
rens mit dem Ödipuskomplex auseinanderzusetzen, sondern forderte 
auch Prof. Freud zur Äußerung auf. Angesichts des Mißbrauchs 
den die Innsbrucker Gutachter mit dem Begriff des von ihm ent- 
deckten Ödipuskomplexes getrieben hatten, ist es begreiflich, daß der 
Schöpfer der Psychoanalyse Prof. Kupka die Unterstützung im Feld- 
zug gegen böse österreichische Geister nicht versagte. Wir geben hie 
die Äußerung wieder, die Prof. Freud Prof. Kupka zur Ver- 
fügung stellte : 

Der Ödipuskomplex ist, soweit wir wissen, in der Kindheit be 
allen Menschen vorhanden gewesen, hat in den Entwicklungsjahren 
große Veränderungen erfahren und wird bei vielen Individuen in 
wechselnder Stärke auch in reifen Zeiten gefunden. Seine wesent- 
lichen Charaktere, seine Allgemeinheit, sein Inhalt, sein Schicksa 
wurden, lange vor der Zeit der Psychoanalyse, von einem scharf- 

— 32 — 



sinnigen Denker wie Diderot erkannt, wie eine Stelle seines berühm- 
ten Dialogs „Le neveu de Rameau" beweist. In Goethes Übersetzung 
dieser Schrift (Band 45 der Sophienausgabe) steht auf Seite 136 zu 
lesen : „Wäre der kleine Wilde sich selbst überlassen und bewahrte 
seine ganze Schwäche (imbeällüe), vereinigte mit der geringen Ver- 
nunft des Kindes in der Wiege die Gewalt der Leidenschaften des 
Mannes von dreißig Jahren, so brach' er seinem Vater den Hals und 
entehrte die Mutter." 

Wäre es objektiv erwiesen, daß Philipp Halsmann seinen Vater 
erschlagen hat, so hätte man allerdings ein Anrecht, den Ödipus- 
komplex heranzuziehen, zur Motivierung einer sonst unverstandenen 
Tat. Da ein solcher Beweis nicht erbracht worden ist, wirkt die Er- 
wähnung des Ödipuskomplexes irreführend; sie ist zum mindesten 
müßig. Was die Untersuchung an Unstimmigkeiten zwischen Vater 
und Sohn in der Familie Halsmann aufgedeckt hat, ist durchaus un- 
zureichend, um die Annahme eines schlechten Vaterverhältnisses beim 
Sohne zu begründen. Wäre es selbst anders, so müßte man sagen, 
von da bis zur Verursachung einer solchen Tat ist ein weiter Weg. 
Gerade wegen seiner Allgegenwärtigkeit eignet sich der Ödipus- 
komplex nicht zu einem Schluß auf die Täterschaft. Man würde leicht 
die Situation herstellen, die in einer bekannten Anekdote angenom- 
men wird : Ein Einbruch ist geschehen. Ein Mann wird als Täter ver- 
urteilt, in dessen Besitz ein Dietrich gefunden wurde. Nach der Ur- 
teilsverkündigung befragt, ob er etwas zu bemerken habe, verlangt 
er auch wegen Ehebruchs bestraft zu werden, denn das Werkzeug 
dazu habe er auch bei sich. 

In dem großartigen Roman Dostojewskis „Die Brüder Karamasoff« 
steht die Ödipussituation im Mittelpunkt des Interesses. Der alte 
Karamasoff hat sich seinen Söhnen durch lieblose Unterdrückung ver- 
haßt gemacht ; für den einen ist er überdies der mächtige Rivale bei 
dem begehrten Weibe. Dieser Sohn Dmitrij hat aus seiner Absicht, sich 
am Vater gewaltsam zu rächen, kein Geheimnis gemacht. Es ist darum 
natürlich, daß er nach der Ermordung und Beraubung des Vaters als 

PsA. Bewegung III 33 „ 



sein Mörder angeklagt und trotz aller Beteuerungen seiner Unschuld 
verurteilt wird. Und doch ist Dmitrij unschuldig; ein anderer der 
Brüder hat die Tat verübt. In der Gerichtsszene dieses Romanes fällt 
der berühmt gewordene Ausspruch: die Psychologie sei ein Stock mit 
zwei Enden. 

Das Gutachten der Innsbrucker medizinischen Fakultät scheint ge- 
neigt, dem Philipp Halsmann einen „wirksamen" Ödipuskomplex 
zuzuschreiben, verzichtet aber darauf, das Ausmaß dieser Wirksamkeit 
zu bestimmen, weil unter dem Druck der Anklage die Voraussetzun- 
gen für „eine rückhaltlose Aufschließung" bei Philipp Halsmann nicht 
gegeben sind. Wenn sie es dann ablehnt, auch im „Falle der Täter- 
schaft des Angeklagten die Wurzel der Tat in einem Ödipuskomplex 
zu suchen", so geht sie ohne Nötigung in der Verleugnung zu weit. 

In demselben Gutachten stößt man auf einen durchaus nicht be- 
deutungslosen Widerspruch. Der mögliche Einfluß der Gemütserschütte- 
rung auf die Gedächtnisstörung für Eindrücke vor und während der 
kritischen Zeit wird auf das Äußerste eingeschränkt, nach meinem 
Urteil nicht mit Recht; die Annahmen eines Ausnahmszustandes oder 
einer seelischen Erkrankung werden entschieden zurückgewiesen, aber 
die Erklärung durch eine „Verdrängung", die nach der Tat bei 
Philipp Halsmann eintrat, bereitwillig zugestanden. Ich muß sagen, 
eine solche Verdrängung aus heiterem Himmel bei einem Erwachse- 
nen, der keine Anzeichen einer schweren Neurose bietet, die Ver- 
drängung einer Handlung, die gewiß bedeutsamer wäre als alle strit- 
tigen Einzelheiten von Entfernung und Zeitablauf, und die im nor- 
malen oder nur durch körperliche Ermüdung veränderten Zustand vor 
sich geht, wäre doch eine Seltenheit erster Ordnung. 



Illlllllllllilllllllllll 



34 — 



Hermann Hesse 

über PsemdoiriPsydhioamalyse 

Im Dezemberheft der „Neuen Rundschau" veröffentlicht Hermann 
Hesse „Notizen zum Thema Dichtung und Kritik". Eine dieser Notizen 
trägt die Überschrift „Die Psychologie der Halbgebildeten". 
Es verkleide sich — schreibt der Dichter (dessen Stellungnahme zur 
Psychoanalyse nicht unbekannt ist; man vgl. besonders seinen Essay 
„Künstler und Psychoanalyse" im „Almanach der Psychoanalyse 1926") — 
es verkleide sich „in der Literaturkritik zur Zeit die g e i s t f e i n d 1 i c h s t e 
und barbarischste Strömung in die Rüstung der Psychoanalyse". 
„Ist es nötig" — fährt Hesse fort — „daß ich erst vor Freud und 
seiner Leistung meine Verbeugung mache? Ist es nötig, daß ich dem 
Genie Freud das Recht zugestehe, jedes andre Genie der Welt mit 
den Mitteln seiner Methode zu betrachten? Ist es nötig, daran zu er- 
innern, daß ich zur Zeit, als Freuds Lehre noch umstrittener war, sie 
habe verteidigen helfen? Und muß ich eigens den Leser bitten, nicht 
Angriffe auf den genialen Freud und auf seine psychologischen und 
psychotherapeutischen Leistungen darin sehen zu wollen, daß ich den 
Mißbrauch der Freudschen Grundbegriffe durch geistlose 
Kritiker und fahnenflüchtige Philologen lächerlich finde?" 

„Mit der Propagierung und dem Ausbau der Freudschen Schule, 
welche nach wie vor sowohl für die Seelenforschung wie für die 
Heilung von Neurosen Bedeutendes leistet und sich seit Jahren die 
verdiente Anerkennung nahezu überall erstritten hat — mit der Pro- 
pagierung dieser Lehre in die Massen und dem zunehmenden Ein- 
dringen ihrer Methode und Terminologie auch in andre Geistes- 
gebiete ist ein durchaus übles, ja widerliches Nebenprodukt entstanden : 
die pseudo-Freudsche Psychologie der Halbgebildeten 
und eine Art von dilettantischer Literaturkritik, welche 
Werke der Literatur nach der Methode untersucht, welche Freud für 
die Untersuchung der Träume und andrer unbewußter Seeleninhalte 
anwendet . . ." 

«... Man lenkt systematisch und mit einer gewissen Rachsucht (der 
Rachsucht des Unbegnadeten dem Geist gegenüber) die Aufmerksam- 
keit von den Werken der Dichtung ab, degradiert die Dichtungen zu 
Symptomen seelischer Zustände, fällt beim Deuten der Werke in die 
gröbsten Irtümer rationalisierender und moralisierender Biographie zu- 

— 35 — 



rück und hinterläßt einen Trümmerhaufen, auf dem die zerpflückten 
Inhalte großer Dichtwerke blutig und schmutzig herumliegen ... 

, ... Es wird geschwiegen über alles, was an diesen Werken Lei- 
stung ist, es wird das Differenzierteste, was Menschen gemacht 
haben, zu ungestalteter Materie zurückverwandelt. Es wird ge- 
schwiegen über das immerhin merkwürdige Phänomen, daß der gleiche 
Inhalt, aus dem der Neurotiker Meier seine nervösen Bauchschmerzen 
gemacht hat, von einzelnen anderen Menschen zu hohen Kunstwerken 
gestaltet wird. Es wird nirgends das Phänomen, es wird nirgends 
das Gestaltete, das Einmalige, Wertvolle, Unwiederbringliche gesehen, 
sondern überall nur das Gestaltlose, die Urmaterie. Wir brauchen 
aber keine so mühsamen und zahlreichen Untersuchungen, um zu 
wissen, daß die materiellen Erlebnisse der Dichter ungefähr die gleichen 
sind wie die aller übrigen Menschen. Und von dem, was wir so gern 
wissen möchten, von dem erstaunlichen Wunder, daß je und je in 
einem einzelnen schöpferischen Menschen das Dutzenderlebnis zum 
Weltdrama, das Alltägliche zum strahlenden Wunder wird — von 
dem wird nicht gesprochen, von dem wird das Interesse abgelenkt. 
Es ist dies unter andrem auch eine Versündigung an Freud, 
dessen Genie und Differenziertheit heute schon vielen seiner verein- 
fachungsfrohen Schüler ein Dorn im Auge ist ..." 

„. . . Wer jemals in seinem Leben eine Psychoanalyse entweder 
an sich erlebt oder an einem andern Menschen durchgeführt oder auch nur 
als teilnehmender Vertrauter miterlebt hat, der weiß, welche Menge von 
Zeit, Geduld und Mühe sie erfordert und wie listig und hartnäckig die ge- 
suchten ersten Ursachen, die Herkünfte der Verdrängungen sich vor dem 
Analytiker zu verbergen suchen : Er weiß auch, daß zum Eindringen in 
diese Verursachungen ein geduldiges Belauschen der unbewachten Seelen- 
äußerungen gehört, ein behutsames Belauschen der Träume, der Fehl- 
handlungen usw. Würde ein Patient seinem Analytiker sagen: .Lieber 
Herr, ich habe zu all den Sitzungen keine Zeit und Lust, aber ich 
übergebe Ihnen hier ein Paket, das enthält meine Träume, Wünsche 
und Phantasien, soweit ich sie aufgeschrieben habe, zum Teil in ge- 
bundener Form ; nehmen Sie dies Material und entziffern Sie gefälligst 
aus ihm, was Sie wissen müssen' — wie würde der Arzt diesen naiven 
Patienten auslachen! Wohl mag ein Neurotiker auch Bilder malen 
oder Dichtungen schreiben, auch sie wird der Analytiker sich ansehen, 
auch sie wird er zu benutzen suchen — aber das unbewußte Seelen- 
leben und die frühere Seelengeschichte eines Menschen aus solchen 



36 — 






Dokumenten ablesen zu wollen, das würde jedem Analytiker als eine 
höchst naive und dilettantische Anmaßung erscheinen." 

„Nun, jene halbgebildeten Dichtungsdeuter tun nichts anderes, als 
daß sie noch ungebildeteren Lesern vorlügen, man könne aus solchen 
Dokumenten eine Analyse bestreiten. Der Patient ist tot, Kontrolle ist 
nicht zu fürchten, also phantasiert man drauflos. Es ergäbe ein schnur- 
riges Resultat, wenn ein geschickter Literat diese scheinanalytischen 
Dichterdeutungen selbst wieder einer Analyse unterzöge und die sehr 
einfachen Triebe aufzeigte, aus denen diese Scheinpsychologen ihren 
Eifer speisen." 

„Ich glaube nicht, daß Freud selbst diese Literatur seiner unechten 
Schüler irgend ernst nimmt. Ich glaube nicht, daß irgendein ernsthafter 
Arzt oder Forscher der psychoanalytischen Schule diese Aufsätze und 
Broschüren liest. Immerhin — ein sichtbares Abrücken der Führer von 
diesem dilettantischen Treiben wäre am Platz . . . Das Unangenehme 
ist, daß aus dieser Dilettantenanalyse die Tageskritik einen neuen 
Weg gelernt hat, ihre Aufgabe zu vereinfachen und, unter Vortäu- 
schung einer gewissen Wissenschaftlichkeit, es sich leicht zu machen. 
Entdecke ich in der Dichtung eines mir nicht sympathischen Autors 
die Spuren von Komplexen und neurotischen Verwicklungen, so 
denunziere ich ihn der Welt als Psychopathen. Natürlich wird sich das 
einmal müde laufen. Es wird einmal dahin kommen, daß das Wort 
.pathologisch' seine jetzige Bedeutung verliert. Es wird dahin kommen, 
daß man auch auf dem Gebiet der Krankheiten und Gesundheiten die 
Relativität entdeckt, und wahrnimmt, daß die Krankheiten von heute 
die Gesundheiten von morgen sein können, und daß nicht immer das 
Gesundbleiben das untrüglichste Symptom für Gesundheit ist. Daß es 
einem mit hohem Geist und zarten delikaten Sinnen begabten Menschen, 
einem überwertigen, hochbegabten Menschen vielleicht drückend, ja 
entsetzlich sein kann, inmitten der heutigen Konventionen über Gut 
und Böse, über Schön und Häßlich zu leben, auch diese einfache 
Wahrheit wird einmal entdeckt werden." 



■niii 

— 37 — 



Zur Psychologie eines Gorilla^Kindles 

Von 

Innre Hermaams. 

Die Psychoanalyse kann ihrem Wesen nach nur eine Untersuchung 
von Mensch zu Mensch sein, und schon die Einbeziehung von mensch- 
lichen Kulturwerken ist mehr Anwendung als wirkliche Analyse. Noch 
weniger zur Anwendung als nur zu einer gewissen Kontrolle ge- 
reicht die Psychologie der Menschenaffen. Zu einer Kontrolle, die sich 
jedoch zu unschätzbarem Wert emporschwingen könnte. 

Wir hatten bereits die von Köhler an Schimpansen ge- 
wonnenen Funde ausgebeutet 1 . Seit einigen Jahren steht nun infolge 
der Gorilla-Untersuchungen des amerikanischen Forschers Yerkes, 
des besten Kenners der Anthropoidenseele, der Weg auch für eine 
vergleichende Psychoanalyse des Gorilla, oder wenigstens einige 
Schritte des Weges offen 3 . 

Das beobachtete, reservierte, den Befehlen gegenüber negativistische 
Tier war ein junges, etwa 4—5, im zweiten Beobachtungswinter 
5_6 Jahre altes, nach Amerika transportiertes Weibchen. Wie hat 
Yerkes mit dem armen, verlassenen, ans Familienleben gewohnten 
Tier- Kind überhaupt experimentieren können ? Es war die Übe r- 
t r a g u n g mit im Spiel, das zu Stande zu bringen. Es war ein 
„Warmwerden" des Tieres Congo zu beobachten, das auffallend 
plötzlich in Erscheinung trat, als Congo in inneren Kontakt mit dem 
Versuchsleiter gelangte insofern, als sie von ihm, die Nahrung und 
Gesellschaft betreffend, in größere Abhängigkeit geriet. Auch ein neu- 
angewendeter Apparat, welcher bei Fehlleistungen zur Strafe elektri- 
sche Schläge abgab, fixierte Congo mehr an den Versuchsleiter. Diese 
zwei Motive der Übertragung traten in Kraft, eben als die beiden 
Lieblingsleute Congos fern waren. (164 — 7). 

Neben dieser Gefühlsübertragung kann auch eine Transposition von 
Arbeitsmethoden und Motiven beobachtet werden, also eine Art 
Verschiebung (6g, 513). Obzwar Congo sich als ein vorwiegend 
visuell orientierendes Tier benimmt, vergißt sie nie, ihr neue Dinge, 
lebende und leblose, durch den Geruch zu prüfen (8, 45, 47, 71, 

1) I. Hermann: Zur Psychologie der Schimpansen. Internationale Zeitschrift für 
Psychoanalyse, IX (1923)- 

2) R. M. Yerkes: The Mind of a Gorilla. Genetic Psychology Monographs, II 
(1927) ; erster Beobachtungswinter S. 1—193, zweiter Beobachtungswinter S. 377—551. 

— 38 — 



137). Wie bei den Schimpansen, so kann auch hier auf eine Ver- 
haltungsweise hingewiesen werden, die mir der magischen nahe- 
zustehen scheint. So war für das Spiegelbild anscheinend der Ver- 
suchsleiter „verantwortlich" (149). In einem nicht gelungenen Experi- 
ment ging Congo fort, schaute dann zurück, wie wenn sie etwas er- 
warten würde, was ihren Fehler gutmachen könnte (53). Oder als das 
Futter nur durch einen Stock zu erreichen war, nahm sie den Stock 
in die eine Hand und griff gegen das Futter mit der anderen (54). 
Ein anderesmal warf sie Papierstücke gegen das unerreichbare Fut- 
ter (406). Etwas der unbewußten Aufarbeitung der Reize 
Analoges ist im „Lernen über die Nacht" beschrieben. Yerkes hält 
diese auffallende Erscheinung für eine grundlegende Eigenschaft des 
nervösen Gewebes der Anthropoiden (55, 131, 161). 

Reaktion auf unerwarteten Schmerz ist Urinlassen (129), im Wut- 
anfall beißt das Tier und reagiert mit plötzlicher Kotentlee- 
rung (172), die Erregtheit des gesamten Verdauungsweges zeigend. 
Es ist, wie wenn das Tier seinen Feind tatsächlich schleunigst aufge- 
fressen hätte. Die Exkremente betreffend ist übrigens zu notieren, daß 
Congo schon früh die Gewohnheit angenommen hat, nur eine Ecke 
in ihrem Käfig als Abort zu benützen (32). Diese Gewohnheit bezog 
sich nicht auf ihr aus Stroh verfertigtes Nest und auf Stellen außer- 
halb des Käfigs. 

Unser besonderes Interesse erregt das Erwachen der Genitalität 
im noch unreifen Tiere. Nach Yerkes wäre diese Genital-Sexualität 
Anzeichen der „Adoleszenz". Im ersten Beobachtungswinter soll noch 
keine Regung der erwachenden Sexualität beobachtbar gewesen sein. 
(Ungeachtet des Küssens des Spiegelbildantlitzes — 147, 149 — , das 
man der oralerotischen Triebäußerung zuweisen möchte.) Im zweiten 
Winter sprang hingegen eine Bevorzugung männlicher 
Wesen in die Augen. Einen Hund zog Congo an sich, untersuchte 
ihn, beroch sein Gesicht, seine Füße, seinen Körper, schaute sich diese 
Körperstellen an. Der Hund benahm sich passiv, worauf sie ihn auf 
die Seite legte und nun die Genitalien beobachtete, sie mit Händen, 
Nase und Augen studierend. Ihr Ausdruck verriet jetzt Interesse und 
Staunen. Dieselbe Untersuchung von oben an begann von neuem. 
Dann, nach Fluchtversuchen des Hundes, drückte sie ihn auf den 
Rücken und machte, sich an ihn pressend, männliche Kopulations- 
bewegungen. Nach einigen Sekunden warf sie sich dann auf den Rücken 
und drückte den Hund auf sich. Der Hund flüchtete bald, ohne 

— 39 — 



der Aufforderung genüge getan zu haben. Ähnliche Spiele führte sie 
auch mit einer Hündin auf, jedoch nur, wenn sie den Spielgenossen 
nicht fassen konnte, (Bisexualiät; Homoerotik aus unbefriedigter 
Heterosexualität.) Einigemale brachte Congo auch Gegenstände wie 
Schachtel und Holzstücke mit den Genitalien in Berührung (520—522). 
Man vergleiche diese Beschreibung einerseits mit der über die Schim- 
pansen, andererseits mit der menschlich-infantilen Genitalität, und man 
bedenke sodann, was der Erfolg solch einer Frühsexualität in der 
Gorilla-Familie sein könnte: Das strenge Verbot, bezw. die strenge 
Überwachung von Seiten des Führers. 1 

Noch eine auffallende Beobachtung, die Yerkes machen konnte : Im 
ersten Beobachtungswinter bot sich nichts Genital-Sexuelles, aber 
auch nichts Destruktives (138—139) — im Gegensatz zu den 
übrigen Affen. Im zweiten Beobachtungswinter trat Beides in Er- 
scheinung (Destruktives : 526). Wie wenn beim Gorilla der nach außen 
gerichtete Destr uk tion s tr i e b und die G e ni talität zeitlich 
denselben Entwicklungsgang gehen würden, nicht so wie beim Men- 
schen und beim Schimpansen. Freilich, auf masoch istische Ein- 
stellung, also auf nach innen gerichteten Destruktionstrieb können 
wir aus dem Übertragungserfolg nach den elektrischen Schlägen raten. 
Man könnte auch fragen, ob Congo im Falle genitaler Befriedigung 
auch destruktiv wäre? Also in der Familie — könnte es, das Kind, 
aber sogar dort genital wirklich befriedigt sein? 



.oaiycisoie 

Von 

A. J. Storfer 

Die Tierpsychologie ist ein Gebiet, auf dem die Anwendung der 
psychoanalytischen Methode, bezw. ihrer Forschungsergebnisse erst im ge- 
ringsten Maße versucht worden ist ; man kann eigentlich erst von Ansätzen 
einer psychoanalytischen Tierpsychologie sprechen. Im Anschluß an den 
vorstehend veröffentlichten Beitrag von Imre Hermann (Budapest) „Zur 
Psychologie eines Gorilla-Kindes" wird es sich empfehlen, sich über jene 

1) Vgl. Hermann: Modelle zu den ödipus- und Kastrationskomplexen bei Affen, 
Imago, XII (1926). 



— 40 — 



bisherigen Ansätze kurz Rechenschaft zu geben. Freud selbst streift nur 
gelegentlich Fragen der Tierpsychologie und stets nur hypothetisch und an 
solchen Stellen, wo es sich um eine differentielle Abgrenzung gegenüber 
Erscheinungen des menschlichen Seelenlebens handelt. So schreibt 
Freud in seiner metapsychologischen Abhandlung über „Das Unbewußte" 
(Ges. Sehr. V, 504): 

„Welche Inhalte und welche Beziehungen dies System [das Unbewußte] 
während der individuellen Entwicklung hat, und welche Beziehung ihm 
beim Tiere zukommt, das soll nicht aus unserer Beschreibung abgeleitet, 
sondern selbständig erforscht werden." 

Ein wichtiges differemielles Moment sieht Freud im zweizeitigen 
Ansatz der S e xu a 1 entw i c kl u n g beim Menschen. In der Zusam- 
menfassung der „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" (Ges. Sehr. V, 109) 
ist zu lesen : „Die Tatsache des zweizeitigen Ansatzes der Sexualentwicklung 
beim Menschen, also die Unterbrechung dieser Entwicklung durch die 
Latenzzeit, erschien uns besonderer Beachtung würdig. Sie scheint eine der 
Bedingungen für die Eignung des Menschen zur Entwicklung einer höheren 
Kultur, aber auch für seine Neigung zur Neurose zu enthalten. Bei der 
tierischen Verwandtschaft des Menschen ist unseres Wissens etwas Analoges 
nicht nachweisbar." 

Und in der XXVI. der „Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse" 
(Ges. Sehr. VII, 429) heißt es : „Wir konnten sie [die Ubertragungsneurosen] 
auf die grundlegende Situation zurückführen, daß die Sexualtriebe in Zwist 
mit den Erhaltungstrieben geraten oder biologisch — wenn auch ungenauer 
— ausgedrückt, daß die eine Position des Ichs als selbständiges Einzelwesen 
mit der anderen als Glied einer Generationsreihe in Widerstreit tritt: Zu 
solcher Entzweiung kommt es vielleicht nur beim Menschen, und darum 
mag im ganzen und großen die Neurose sein Vorrecht vor den 
Tieren sein." Die Fähigkeit des Menschen zur Neurose sei übrigens nur 
die Kehrseite seiner sonstigen Begabung (Ausbildung eines reich geglieder- 
ten Seelenlebens, einer Kultur). 

In der XXII. Vorlesung (Ges. Sehr. VII, 367 f ) : „. . . Der Libidoentwick- 
lung, möchte ich meinen, sieht man diese phylogenetische Herkunft 
ohne weiteres an. Denken Sie daran, wie bei der einen Tierklasse der 
Genitalapparat in die innigste Beziehung zum Mund gebracht ist, bei der 
anderen sich vom Exkretionsapparat nicht sondern läßt, bei noch anderen 
an die Bewegungsorgane geknüpft ist . . . Man sieht bei den T i e r e.n sozu- 
sagen all e Arten v o n P e r v e r s i o n zur Sexualorganisation erstarrt. « 

Ein wichtiges differentielles Moment sieht Freud auch in der Verküm- 



41 



merung des tierischen Geruchssinnes beim Menschen. In 
der großen Krankengeschichte „Bemerkungen über einen Fall von Zwangs- 
neurose" (Ges. Sehr. VIII, 30) schreibt er : „Ganz allgemein möchte ich die 
Frage aufwerfen, ob nicht die mit der Abkehrung des Menschen vom Erd- 
boden unvermeidlich gewordene Verkümmerung des Geruchsinnes und die 
so hergestellte organische Verdrängung der Riechlust einen guten Anteil an 
seiner Befähigung zu neurotischen Erkrankungen haben kann. Es ergäbe sich 
ein Verständnis dafür, daß bei steigender Kultur gerade .das Sexualleben die 
Opfer der Verdrängung bringen muß. Wir wissen ja längst, welch inniger 
Zusammenhang in der tierischen Organisation zwischen dem Sexualtrieb und 
der Funktion des Riechorgans hergestellt ist." 

Diesen Gedanken nimmt Freud in seiner jüngsten Schrift „Das Unbe- 
hagen in der Kultur" wieder auf. Im IV. Kapitel, dort, wo er von der 
Gründung der Familie durch den Urmenschen spricht, widmet er einen Ex- 
kurs der organischen Verdrängung der Riechlust (s. 62 f). Das Zurücktreten 
der Geruchsreize ist die Folge des Übergangs zum aufrechten Gang, die 
Einwirkung des weiblichen Menstruationsvorganges auf die männliche Psyche 
wird abgeschwächt und das Sichtbarwerden der bisher gedeckten Genitalien 
ruft dann das Schamgefühl hervor. Die Übernahme der Rolle der Geruchs- 
reize durch die Gesichtserregungen bedingt auch die Kontinuität der Sexual- 
erregung beim Menschen. „Dies ist nur eine theoretische Spekulation, aber 
wichtig genug, um eine exakte Nachprüfung an den Lebensver- 
hältnissen der dem Menschen nahestehenden Tiere zu ver- 
dienen." (Man vgl. auch die längere Fußnote im gleichen Buche S. 72—75-) 

Vermutet Freud im Übergang zum aufrechten Gang eine entscheidende 
Ursache für wichtige physiologische und psychologische Differenzierungen des 
Menschen gegenüber den übrigen Säugetieren, so hat Ferenczi noch eine 
weiter in die Urgeschichte zurückgehende Hypothese gewagt, indem er in 
seinem „Versuch einer Genitaltheorie" (1924) die Natur des menschlichen 
Geschlechtstriebes aus einem phylogenetischen Trauma abzuleiten 
versucht, aus der Eintrocknung eines Teiles der Erdoberfläche, die die ur- 
sprünglich im Wasser lebenden Tiere zum Landleben verurteilte. Diese 
phylogenetische Tragödie wiederholt sich in der Einzelentwicklung im Vor- 
gang der Geburt, die das Wassertier, das Embryo zu einem Leben außer- 
halb des Mutterleibs zwingt. Im Geschlechtstrieb, der die männlichen Samen- 
zellen in den Uterus zu bringen bestrebt ist, äußert sich die Sehnsucht des 
ehemaligen Wasserbewohners nach seiner Urheimat. Noch deutlicher re- 
präsentiert sich der „thalassale R e gr e s s i o ns z u g" in 






42 — 



„Mutterleibsphantasien" des Unbewußten. (Man vgl. dazu auch 
Alexander, „Einige unkritische Gedanken zu Ferenczis Genitaltheorie, 
„Almanach der Psychoanalyse 1927".) Neben diesen „bioanalytischen Spekula- 
tionen", die natürlich der Beziehung zu Erwägungen der vergleichenden 
Tierpsychologie nicht entbehren, finden wir übrigens bei Ferenczi gelegent- 
lich auch unmittelbare Ansätze zu einer psychoanalytischen Tierpsychologie, 
Wir nennen vor allem seine kleine Abhandlung „Zähmung eines wilden 
Pferdes" („Populäre Vorträge über Psychoanalyse", Wien 1922, S. 169 ff): 
seine Ausführungen knüpfen an die geradezu wunderliche Beschlagung einer 
bis dahin absolut unzugänglichen Vollblutstute durch einen Hufschmied an, 
und Ferenczi sieht die Erklärung des „Wunders" in einer Kombination der 
„Muttersuggestion" mit der „Vatersuggestion". 



Besondere Verdienste um Versuche zur Vorbereitung einer psychoanalyti- 
schen Tierpsychologie hat sich ein anderer ungarischer Psychoanalytiker. 
Imre Hermann, erworben. Seiner heutigen kleinen Notiz, die wir vor- 
stehend veröffentlicht haben, sind zwei größere Abhandlungen vorangegangen, 
in denen er materialreiche Veröffentlichungen tierpsychologischer Beobachtungen 
vom Standpunkt der Psychoanalyse aus prüft. 

1923 veröffentlichte Hermann in der „Internationalen Zeitschrift für 
Psychoanalyse" (Bd. IX, S. 80 ff) einen Beitrag „Zur Psychologie der 
Schimpansen" (auf Grund der Beobachtungen von Wolfgang K o e h 1 e r 
und G. J. Alle seh). Hermanns Feststellungen sind in der Hauptsache 
die folgenden : 

Das Triebleben der Schimpansen zeigt polymorphperverse Züge. 
Sollen die jungen Männchen mit einem erwachsenen Weibchen zusammen- 
treffen, so geraten sie, schon 6—8 Jahre vor der Reife, in Erregung und 
vollziehen dabei auch der Form nach den Koitus, aber eine scharfe Orien- 
tierung nach dem Geschlechte besteht weder vor noch nach der Pubertät. 
Auffallende Koprophagie: Unter den beobachteten Schimpansen fröhnt 
gerade ein onanierendes Tier nicht diesem Gelüste. Ein kotfressendes Tier 
sitzt dabei mit verglasten Augen und abstossendem Gesichtsausdruck in einer 
Ecke — die onanieäquivalente Lust ist also abzulesen. Ambivalente 
Einstellung dem Kote gegenüber: Unbehagen und Phobie, wenn ein Schim- 
panse in Kot tritt. (N. B. Die Tiere waren wegen Kotfressen bestraft - 
ohne viel Erfolg.) Betätigung der Mundzone: Lutschen, Freundschafts- 
beteuerung. Belecken (und Beriechen) der Anal- und Genitalregion beim 
Begrüßen. Sadismus: Vergnügenfinden, wenn eins das andere ärgert. 

— 43 — 



Narzißmus: Selbstgefälliges Wesen, in Spiegel sehen, aufs Spiegeln 
ganz versessen. Spielen mit den eigenen Körperteilen, sie streicheln. 

Das Affektleben der Schimpansen ist stark mit der Sexualität zu- 
sammenhängend, Affekte haben die Tendenz, auf den Verdauungstraktus 
und die Geschlechtsorgane einzuwirken. In heftiger Erregung Glottiskrampf 
und Erektion. Affektverschiebung: vor Wut, daß ein eßbares Ziel nicht zu 
erreichen ist, kann ein Brett oder sonst etwas geprügelt werden. Als „Sul- 
tan" noch ganz jung war, wagte er eine Strafe, die er vom Versuchsleiter 
erhielt, noch nicht zu rächen, doch rannte er alsbald wütend auf „Chica" 
los und verfolgte sie, obwohl sie mit dem Grund seines Ärgers nicht das 
mindeste zu tun hatte. 

Zur Ich-Psychologie 1 fällt vor allem ein Vorgang auf, den man 
als Identifizierung bezeichnen kann. Ein Tier kann die Miene des Sünden- 
bewußtseins machen, wenn ein anderes gefehlt hat. Auch kam es vor, 
daß ein Tier für ein anderes, das gestraft werden sollte, dringend gebeten 
hat. Gelöst wird jede Identifizierung mit den Gruppenmitgliedern bei 
Nahrungsaufnahme (orale Betätigung !} und bei schwerer körperlicher Er- 
krankung, mit narzißtischer Regression. 

Zur Massenpsychologie: Die beoachtete Gruppe stand zuerst unter 
der Herrschaft eines älteren Weibchens, erst später, nachdem Sultan, ein 
Männchen, älter wurde, übernahm er die Rolle des Führers. Der Führer 
wurde bei seiner Wiederkehr in die Gruppe stets mit besonderem Freuden- 
gruße empfangen, jedes Tier bemühte sich, im Falle von Zwistigkeiten 
seine Unterstützung zu erobern, er zog oft die ganze Gruppe in Beschäfti- 
gungsart und Ortswechsel mit sich. Das isolierte Tier will nicht fressen 
(orale Enttäuschung— orale Triebabwehr). So sehr wünschen die Tiere in 
der Gruppe zu bleiben, daß sie lieber zu zweit als allein schlafen, 
wobei sie einander umschlungen halten. Ein Fremdling wird zuerst feindlich, 






l) Die Frage nach dem Vorhandensein eines Üb er -Ichs beim Tier wurde vor 
kurzem von Edoardo Weiss (Trieste) in einem noch nicht veröffentlichten Vortrag 
über „die magische Funktion des Über-Ichs« gestreift. — Man vgl. auch ■ bei G&a 
R'evesz (Amsterdam): Sozialpsychologische Beobachtungen an Affen (Zeitschr. f. Psycho- 
logie, Bd. u 8, 1930, S. 142 ff): „Selbst eine Lehre, die die Einheit der psychologischen 
Organisation in den Urtrieben sieht, wie die Freudsche, kann, trotz dieser engen Bezie- 
hung, zu einer scharfen Trennung zwischen Mensch und Tier kommen, wenn sie näm- 
lich das wesentliche im Menschen gerade in der Verdrängung, Verschiebung und Sub- 
limierung der Triebregungen sieht . . . Vom entwicklungspsychologischen Standpunkt aus 
hat Freud das Verhältnis des ,Es' zum ,Ich' nicht geklärt. Wir wissen nicht, ob er das 
,Es', nämlich die unbewußte Triebsphäre, mit der Triebwelt der Tiere identifiziert." 



44 



abweisend empfangen, kommt es endlich doch zu einer Annäherung, dann 
erweist sie sich als eine kindlich-sexuelle, mit Umarmung. 

Zur ersten Objektbesetzung: In den ersten drei Lebensmonaten 
verläßt das junge Schimpansen-Kind den mütterlichen Körper nicht. Es klam- 
mert sich an die Mutter an. Dieses Mutter-Kind-Verhältnis zeigt sich 
noch in der menschlichen Säuglingspsychologie im sog. Moroschen Reflex, in 
den Schlafhaltungen des Säuglings, das nicht nur intrauterine Regression, 
sondern Regression zu eben dieser Objekt-„Besetzung" zeigt. Es kann ver- 
mutet werden, daß zwei typische Gewohnheiten der Affen auf diese Art 
Objektbesetzung zurückgehen: 1) Die sogenannte Hautpflege oder das Lausen 
mit der bekannten gespannten Miene und dem Mundklappen. Es handelt 
sich nicht um Läusefangen. Die Hautpflege nimmt manchesmal einen viel 
ernsteren Charakter an, die Schimpansen reissen sich dann gegenseitig über 
ganze Felder auf Kopf, Schultern und Rücken die Haare aus, doch nicht 
aus Bosheit oder im Kampf, sondern im Zusammenhang mit eben jener allge- 
meinen Hautpflege. Der jeweils Gerupfte hält ganz still dabei. Da kann 
eine andere Beobachtung zur Aufklärung des Sinnes dieser Gewohnheit 
dienen: Gegen Ende der vierten Woche nach der Geburt beginnen die 
Haare des Kiemen, besonders am Kopf, stark auszufallen, die Mutter nimmt 
dabei eine aktive Rolle an, indem sie die Haare in großer Zahl auszieht 
und die Papillen zerkaut. Die Gewohnheit kann sonach eine Rückphantasie- 
rung der Zeit der ersten Objektbesetzung sein, mit einer Tendenz zur 
„Randbevorzugung". Interessant ist dabei wieder die orale Betätigung. (Die 
Mutter liebt das Kind bis zum Fressen, frißt statt das Kind die Haarwurzel, 
wie sie auch sonst den in ihren Schoß gelassenenen Urin des Kleinen trinkt.) 
— 2) Die Tiere stecken allerhand Gegenstände zwischen Unterleib und 
Oberschenkel. Auch bei der Begrüßung wird dieselbe Stelle des Körpers 
mit der Hand berührt. Da muß vor Augen gehalten werden, daß beim Pla- 
cieren des Kleinen am mütterlichen Körper die Grundstellung folgende ist: 
es krallt sich vorne am unteren Teil des mütterlichen Körpers fest und 
wird durch den Oberschenkel der Mutter unterstützt. Das ganz junge Tier 
kann sich auch seitlich in der Leiste niederlassen. Das spielende Tier spielt 
also Mutter, die Gegenstände sind Puppen, das heißt ankrallende Kinder. 
Mit Berücksichtigung der „Randbevorzugung" fallen diejenigen Einwände, 
welche Allesch solch' einer Erklärung gegenüber machte, fort. 

Zur intellektuellen Tätigkeit: Die Umwegversuche Köhlers 
sind eigentlich Prüfungen des Vorhandenseins eines Realitätsprinzips, gegen- 
über dem ursprünglicheren Lustprinzip. Es herrscht beim Schimpansen tat- 
sächlich das Lustprinzip, die Tiere sind auf die bequemste Lösung ver- 

— 45 — 




scssen und bis sie verzichten lernen, kommen heftige Szenen vor. Zur höhe- 
ren Leistung spornen Hunger, die in Aussicht gestellte Nahrung und die 
Verbote der bequemeren Leistungen. Neben dem Herrschen des Lustprin- 
zips sind Anzeichen eines magischen Wirklichkeitssinnes vor- 
handen. Einmal muß „Rana" aus einem Käfig Bananen holen, dessen Tür 
versperrt ist; in etwa 5 m Entfernung steht ein ganz gleicher Käfig, 
aber mit offener Tür. Das Tier gibt plötzlich sein Bemühen auf, geht 
zum anderen Käfig, schreitet durch dessen Türöffnung langsam hinein, dreht 
um, kommt wieder heraus mit einem seltsamen Gebaren von Torheit und 
Nachdenklichkeit, kehrt zu dem ersten Käfig zurück und bemüht sich von 
neuem. Oder: Dieselbe Schimpansin dreht den als Werkzeug gebrauchten 
kurzen Stock um, als könnte er davon länger werden. Oder: Will der 
Schimpanse etwas außer seiner Machtsphäre erreichen, so wirft er Steine in 
der Richtung seiner Sehnsucht. — Die Abgrenzung der Erfahrungsgegen- 
stände, die assoziative Verknüpfung der Erinnerungsreste läßt eine freiere, 
aus der symbolischen Denkweise gekannte Art erkennen: „Alles, was be- 
weglich und womöglich langgestreckt aussieht, wird in der Situation zum 
Stock" — sagt Köhler. Für die Vorherrschaft der Motilität (des Agierens) 
im Denken haben wir viele Belege. 



In der „Imago" (XII. Jg. 1926, S. 59 ff.) veröffendichte Hermann später eine 
zweite Abhandlung über „Modelle zu den ödipus- und Kastra- 
tionskomplexen bei Affen". Hier werden an verschiedenen Affen- 
arten gemachte Beobachtungen von Brehm, Sokolowsky, Köhler, 
Knottnerus-Meyer usw. verarbeitet. Bemerkenswert ist die biologische 
Ähnlichkeit von gewissen Affenarten und Mensch : Hand als Apparat des Intel- 
lektes, statt einer Brunstzeit beim Weibchen eine regelmäßige Menstruation, 
beim Männchen eine von der Jahreszeit im großen unabhängige Lust zum 
Geschlechtsakt. Der Ödipuskomplex hat seinen guten Sinn nur in der 
menschlichen Familie. Man kann aber von Modellen der Komplexe 
sprechen, indem man Situationen, Szenen, Verhaltungsweisen, welche den 
typischen Komplex nicht bergen, aber gedanklich durch eine einfache psy- 
chische Denkoperation (Verschiebung, Identifizierung, Symbolisierung usw.) 
in die typische Komplexsituationen, Szenen, Verhaltungsweisen überführt 
werden können, als Modelle zu diesen auffaßt. Der Begriff des Modells ist 
beschreibend, nicht erklärend. 

Es gibt nun nach Hermann mehrere solcher Modelle zum Ödipuskomplex, 
bezw. seiner Teile beim Affen: 






46 



l) Situationen des strengen Vaters. Brehms Beschreibung ist 
klassisch. Neu ist die Beobachtung von Knottnerus -Meyer: „Hat der 
Bandenführer sich einmal zur Alleinherrschaft durchgebissen, dann braucht 
,er seinen Launen und Begierden nicht mehr im geringsten die Zügel anzu- 
legen. Die Würde seines Auftretens, die Stöße, die er ihn nicht beachten- 
den, im Wege sitzenden Käfiggenossen versetzt, der verächtliche Blick, mit 
dem er seine Untertanen mustert und deren scheues Zurückweichen zeigen, 
daß der Bandenchef sich seiner Würde bewußt ist und als solcher anerkannt 
wird." Bei Sokolowsky: „. . . Die von ihm begehrten weiblichen Exem- 
plare ergaben sich ihm unbedingt zum geschlechtlichen Genuß ohne viel 
Widerstreben; oft setzte es hiebei stürmische Szenen ab, indem er sich sein 
Mannesrecht durch gewalttätigen Einspruch erkaufte." 

2) Der strenge Vater hindert den Sohn im geschlechtli- 
chen Verkehr mit der Mutter. Modelle: Alle älteren zeugungsfähigen 
Weibchen, sei ihre Zahl noch so groß, gehören ausschließlich dem Herr- 
scher. Gerade die stärksten Männchen werden von ihm am stärksten über- 
wacht (Knottnerus-Meyer). (Ab und zu wird jüngeren Männchen die 
Ausübung des sexuellen Verkehrs gestattet.) 

3) Der Sohn begehrt den geschlechtlichen Verkehr 
mit der Mutter. Modelle: Die vom Führer zurückgesetzten Männchen 
bleiben keine Junggesellen, der Führer muß stets auf der Hut sein, um 
seine geschlechtlichen Rechte zu bewahren. Er muß die Konkurrenten ener- 
gisch fernhalten, es herrschen ständig Eifersüchteleien und Nebenbuhler- 
schaften unter den Affen (Sokolowsky, Knottnerus-Meyer). 

4) Kampf zwischen Vater und Sohn mit Vatertötung. 
Modell: Ältere Angaben, nach welchen bei den Gorillas in jeder Gruppe 
nur ein erwachsenes Männchen geduldet wird. Beim Heranwachsen der 
jungen Männchen beginnt ein Kampf, und der Stärkste soll nach Tötung 
oder Forttreiben der übrigen sich als Oberhaupt auftun. Auch ein Modell 
des Bruderkampfes ist hierin angegeben. 

5) Empörung gegen den strengen Vater. Es entstehen öfters 
Palastrevolutionen. Z. B. : Ein Affenführer „Martino" war sehr brutal. Er 
war längere Zeit Herrscher einer größeren Hamadryasbande. Er war äußerst 
eifersüchtig, fressen ließ er seine Bevorzugten noch weniger als die übrigen. 
Eines Tages kam es zu einer Hungerrevolte, drei jüngere Männchen gingen 
gegen Martino vor, er mußte flüchten, sein ganzer Harem schloß sich plötz- 
lich den neuen Machthabern an (Knottnerus-Meyer). 

6) Der Sohn verkehrt geschlechtlich mit der Mutter 
nachTötungdesVaters. Modell : Ein brutaler Affenführer „Capo" 

— 47 — 



wird wegen seiner bösen Art von der Direktion des zoologischen Gartens 
zum Tode verurteilt. Als man den getöteten Capo forttrug, sah ihm seine 
Witwe hoch vom Baume nach, weniger aus Schmerz, als aus Freude und 
vereinigte sich sogleich in luftiger Höhe mit dem neuen Gatten, der bis- 
dorthin im Trupp keine beneidenswerte Rolle gespielt hatte. — Ein anders 
aufgebautes Modell dieser ödipusszene : Das Stelldichein der Affen und 
Äffinnen im Graben, in einer Grotte, nachdem sie sich scheinbar ungezwungen 
nach dem Häuptling umsahen und ihn nicht aufmerksam fanden. (Knottnerus- 
Meyer) _ (Nichtbeachten, Nichtsehen heißt: Du existierst für mich nicht- 
Ihre ehemaligen Herren wollen z. B. Affen nicht erkennen.) 
Modelle zum Kastrationskomplex: 

1) Reissen in der Wut, sadistisches Spiel der Affen mit dem Schwänze 
des Hundes, der Eidechse, langschwänziger Affen. Federausrupfen der Vögel. 

2) Boshaftes Spiel, mit einem spitzen Stock dem ahnunslosen Opfer an die 
Beine, in den Leib zu rennen. 

3) Angstvolles Fernhalten des Vaters (auch der übrigen Affen) vom 
Säugling, verständlich als Modell durch die Gleichung Penis = Kind. 

4) Am wichtigsten erscheint Hermann das Modell, das im „Lausen" 
gegeben ist. Hermanns Erklärung geht ja, wie wir oben schon angeführt 
haben, dahin, daß die Affen die Trennung von der Mutter rückgängig 
machen wollen, wobei das Hauptgewicht von Hermann nicht auf das 
„Trauma der Geburt", sondern auf das Anklammern des Kindes nach der 
Geburt am mütterlichen Körper gelegt wird. Ein „Trauma nach der Geburt" 
— zum Kastrationskomplex führend — konnte beim Menschen so entstanden 
sein, daß der von der Mutter des Säuglinges wegen ferngehaltene Vater 
das Kind von der Mutter herunterriß und die Mutter in seinem Egoismus 
für sich beanspruchte. Das menschliche Kind lebt also, infolge 
Macht der Eltern, in den ersten Lebensmonaten in nur durch die 
Saugeperioden etwas gemilderter Triebentsagung, in einem fast ständi- 
gen Modell der Kastration. Dem angeborenen Triebe gemäß sollte einige 
Monate lang der mütterliche Körper nur dem menschlichen Säugling 
hören, wie es bei den Affen der Fall ist. 



Schließlich sei erwähnt, daß Hermann sich dessen ganz bewußt ist, welche 
methodologischen Fehlerquellen vor allem zu vermeiden sind. Seinen zuletzt 
referierten Aufsatz beginnt er mit dem Memento: 

„Einem psychoanalytisch orientierten vergleichend-tierpsychologischen Auf- 
satze muß stets eine Warnung vorangestellt werden, eine Warnung gegen 

— 48 — 



jede leichtfertige Übertragung von der Menschenpsychologie auf 
die vor uns mehr verborgene Psychologie der Tiere. Die Erfahrungsdaten 
der Tierpsychologie sollen aus sich selbst, für sich selbst sprechen; aus der 
Psychoanalyse dürfen nur die Gesichtspunkte, nicht aber die Resultate ge- 
schöpft werden." 

Und das deckt sich mit der im Eingang dieses Referates angeführten 
Freud-Stelle aus der Abhandlung „Das Unbewußte": „ . . . welche Beziehung 
ihm beim Tiere zukommt, das soll nicht aus unserer Beschreibung abge- 
leitet, sondern selbständig erforscht werden." 

In diesem „Selbständig Erforschen" der Tierseele harren der Psycho- 
analyse noch schwere und komplizierte Aufgaben. 



In diesem Zusammenhang muß noch erwähnt werden, daß auch von 
biologischer Seite bereits versucht worden ist, Forschungsergebnisse 
der Psychoanalyse für die gesamte Wissenschaft vom tierischen Leben frucht- 
bar zu machen. So hat z. B. der führende englische Biologe und Insekten- 
forscher W M. Wheeler anerkannt, daß der Trieblehre Freuds der Charakter 
einer allgemeinen biologischen Psychologie zukommt und daß sie daher — 
über die menschliche Triebpsychologie hinausgreifend — der Biologie des 
Trieblebens überhaupt zu Grunde gelegt werden müßte. Im Besonderen aber 
hat sich ein Schweizer Forscher, R. Brun, Verfasser einer Reihe von 
Untersuchungen über Ameisen, auf diesem Gebiete verdient gemacht. Wir 
verweisen hier vor allem auf seine Abhandlung „Selektionstheorie und Lust- 
prinzip (Betrachtungen anläßlich der Lektüre von Erich Wasmanns Mono- 
graphie über die Gastpflege der Ameisen)" in der „Internationalen Zeitschrift 
für Psychoanalyse" (IX, 1923, S. 183 fr.). Nach der bisherigen Selektions- 
theorie hat die phylogenetische Entwicklung der Triebe, Instinkthandlungen 
und der psychoplastischen Arteigentümlichkeiten ausschließlich unter der Herr- 
schaft des Nützlichkeitsprinzips (psychoanalytisch: Realitätsprinzip) gestanden. 
Die Symphilie, das echte Gas t verh äl tni s, bei den Ameisen unter- 
scheidet sich nach den Ausführungen Bruns von allen übrigen bisher bekannt 
gewordenen Formen der Symbiose; vom Parasitismus dadurch, daß die 
Gäste, die symphilen Käfer, den Ameisen immerhin eine Gegengabe in 
Gestalt eines angenehmen Exsudats darbieten; von einer echten Symbiose 
im engeren Sinn dadurch, daß nur der eine Teil, die Gäste, aus dem Ver- 
hältnis wirklichen biologischen Nutzen ziehen, während der andere Teil, die 
Ameisen, von ihren Gästen lediglich einen Lustgewinn haben, 
den sie jedoch mit einer mehr oder weniger schweren Schädigung des 

PsA Bewegung III 49 



Gemeinwesens teuer genug erkaufen müssen. Durch diese und andere Beob- 
achtungen sieht Brun zum erstenmal den einwandfreien Nachweis erbracht 
für die Existenz von hochkomplizierten und hochspezifischen Instinkten, die 
in keiner Weise artdienlich sind, deren Ausübung der Art vielmehr zum 
schwersten Schaden gereicht und auf die Dauer geradezu ihre Existenz g e . 
fährdet, deren Entstehung somit durch die Naturalselektion nicht zu erklären 
ist. Diese artschädlichen Instinkte haben sich entwickelt, weil sie für die 
Ameisen lustvoll sind. Brun meint also, es müsse in die Reihe der phylo- 
genetisch wirksamen Faktoren neben der natürlichen Zuchtwahl noch ein 
zweites Prinzip, das Freudsche Lustprinzip, eingeführt werden. Dem 
Lustprinzip komme die Bedeutung eines selbständigen Faktors neben der 
Naturalselektion zu, denn es greift — oft auch gegen diese — modi- 
fizierend in die Entwicklung ein. Die „Libidinalselektion" (Lustprinzip) kann 
bei fortgesetzter Wirksamkeit gegenüber der Naturalselektion (Realitäts- 
prinzip) zum Aussterben einer Spezies führen. 

Auch auf die Möglichkeit, den Vorgang der Staatenbildung aus 
dem Sexualtrieb abzuleiten, macht Brun — im Zusammenhang der Erörte- 
rung der Ameisensozietäten — aufmerksam. 

In einer späteren Arbeit — „Experimentelle Beiträge zur Dynamik und 
Ökonomie des Triebkonflikts — Biologische Parallelen zu Freuds Trieb- 
lehre" (in der Festschrift der „Imago" zum 70. Geburtstage Sigmund Freuds, 
XII. Jg., 1926, S. 147fr.) — kommt Brun auf seinen Grundgedanken 
vom Anspruch der Freudschen metapsychologischen Trieblehre auf bio- 
logische Allgemeingültigkeit zurück und beschäftigt sich auch mit der Mög- 
lichkeit, die psychoanalytischen Gesichtspunkte an tierpsychologischem Material 
nachzuprüfen. Er verkennt nicht die Schwierigkeit, die in dem Umstände 
liegt, daß Tiere entweder überhaupt keine Neurosen haben oder daß die 
betreffenden Manifestationen für uns noch viel zu undurchsichtig sind. Ist 
aber keine eigentliche Verdrängung beim Tier nachweisbar, so gibt es 
immerhin T r i e b k o n f 1 i k t e, ja sogar die Möglichkeit, Triebkonflikte 
direkt experimentell herbeizuführen. Brun konnte im Laufe 
seiner langjährigen Untersuchungen an Ameisen wiederholt (z. T. experi- 
mentell hervorgerufene) Kollisionen zwischen den Selbsterhaltungs- und den 
Sozialtrieben, sowie zwischen verschiedenen phylogenetischen Stufen der letz- 
teren unter einander beobachten. Diese Beobachtungen wurden von Bru- 
zu einer Zeit angestellt, als ihm die Psychoanalyse noch so gut wie nun 
bekannt war, und dieser Umstand verleiht seinem damaligen Material, das 
er jetzt unter den Gesichtspunkten der Psychoanalyse zur Verwertung neuer- 
lich heranzieht, gewissermaßen einen erhöhten Wert. Es kann nicht unsere 

— 50 — 






Aufgabe hier sein, Bruns Ausführungen im Einzelnen zu referieren, und 
wir müssen uns mit dem Verweis auf die Abhandlung selbst begnügen. 
Aber einige der Folgerungen Bruns seien doch angeführt. Er formuliert 
u. a. ein „Gesetz des Primats der phylogenetisch jüngeren Triebe". In 
Kollisionsfällen sei zunächst nichts von einem Kompromiß zwischen 
den beiden inkompatiblen Trieben zu bemerken, vielmehr scheint der 
eine der beiden miteinander in Konflikt geratenen Triebe den andern 
restlos zu unterdrücken (zu hemmen), und zwar scheint in 
der Regel der phylo- und ontogenetisch ältere (Primordial-) Trieb gegen- 
über dem phylogenetisch jüngeren, die Zukunftsinteressen der Art, bezw. 
der sozialen Gemeinschaft vertretenden Sekundärtrieb zu unterliegen. Das 
steht im Einklang mit der allgemeinen Erfahrung der Psychoanalyse, nach 
der beim neurotischen Triebkonflikt es regelmäßig die primordialen sexuellen 
Triebregungen sind, die gegenüber den Anforderungen der kulturellen 
Sekundärtriebe zunächst unterliegen und der Verdrängung verfallen. 

Brun wirft auch die triebökonomische Frage nach den Schicksalen dauernd 
gehemmter (rezessiver) Triebregungen beim Tiere auf. Auf Grund der Ver- 
suchsprotokolle Sherringtons stellt er als häufig den Fall fest, daß die 
verdrängende Instanz die vorübergehend verdrängte qualitativ ver- 
ändert — eine merkwürdige Parallele für das, was die Psychoanalyse bei 
der Verdrängung menschlicher Triebregungen erkannt hat: Wiederkehr des 
Verdrängten, nur in modifizierter, z. B. symbolischer Form. 

U. a. beschäftigt sich Brun auch mit der allgemeinen Unruhe der Tiere 
bei Obj ektverlust (Versuche mit jungen Ameisenköniginnen, denen 
die eben gelegten Eier weggenommen wurden). In gewissen Fällen hat" die 
äußere Versagung zu einem Rückfall geführt; zu einer Ersatzleistung, einer 
Regression der Libido auf eine ontogenetisch frühere, bereits aufge- 
gebene Phase der Instinktbetätigung. Häufiger ist aber bei Insekten der 
Mechanismus, daß an die Stelle des fehlenden Instinktobjektes ein irgend- 
wie ähnliches Er s atzo bj e k t tritt; also: eine Übertragung der Trieb- 
energie auf ein anderes Objekt. 

Das Entstehen der Arbeiterkaste bei den sozialen Insekten faßt Brun als 
das großartigste bis jetzt bekannte Beispiel einer phylogenetischen Trieb- 
sublimierung auf. 



Bevor wir diese Übersicht über die bisherigen Ansätze zu einer psycho- 
analytischen Tierpsychologie abschließen, wollen wir noch eine kleine Arbeit 
eines in Afrika lebenden Autors anführen: „Vom Leben der Bienen und 



51 



Termiten — Psychoanalytische Bemerkungen" von L. R. Djelves 
Broughton (Bida, Nigeria), erschienen in der „Imago" (XIV, 1928, 
S. 142 ff.). Der Verfasser geht von den bekannten zwei Schriften Maeter- 
lincks über die Bienen und über die Termiten aus, zieht aber auch 
eigene Beobachtungen heran. Die Organisation der sozialen Tiere ist nach 
Delves Broughton nur mit Hilfe der Freudschen Thesen zur Massenpsycho- 
logie verständlich. Der Bienenstock sei eine seelische Einheit dank 1 i b i d i- 
nösen Bindungen, eine Masse dank der Identifikation, und 
derselbe Prozeß, durch den die Identifikation Verstärkung erfahren hat, 
habe einen Energiebeitrag abgegeben, der bei normalen Tieren nicht im 
Dienste der Selbsterhaltung steht. Im Aufbau einer kugelförmigen Wohn- 
stätte, die eigentlich nichts als eine Art von Ausdehnung der Person der 
Königin ist, sieht der Verfasser den praktischen Ausdruck der Sehnsucht 
nach dem Geborgensein im Mutterleib. Er deutet des weiteren auch Er- 
klärungsmöglichkeiten an für den Geiz der Bienen, ihren Sammeltrieb, ihre 
Sauberkeit, ihre Grausamkeit, für die Entwicklung der Kriegerkaste, für die 
Blendung der Arbeitertermiten, für die Gefühlsambivalenz gegenüber der 
Königin. 



m 



Soeben erschien das Sonderheft 

^Intellektuelle Heimimuiigeii' 

H der „Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik" 

§§ (IV. Jahrgans, Heft n/i2) 

fij Preis dieses Sonderheftes Aiatk 2' '— 



Paul Federn . . 

I. Hermann . . 

H. Zulliser . . 
H Berta Bornstein . 

jj Edith Buxbaum . 
1 H. Stern . . , 



Aus dem Inhalt: 

Psychoanalytische Auffassung der ,/nteltefc» 

tuellen Hemmung" 
Begabtheit und Unbegabtheit 
Versager in der Schule 
Sexual« und Intellektentwicktung 
Schwierige, insbesondere faule Schüfer 
Episodische „Dummheit" einer l6=jährigen 

und andere Beiträge 



52 



Von 



Felix Sdiottlaemder 



Wenn es richtig ist, daß alle bildende Kunst von dem Versuch 
der Nachbildung des Menschen ausgeht, so verlohnt es sich wohl ein- 
mal darüber nachzudenken, wie die Abbildung der „Landschaft" als 
Vorwurf für den Maler überhaupt erklärt werden kann. 

Die bildende Kunst darf als Versuch aufgefaßt werden, durch ver- 
ständliche Symbolik wichtige, rein zeitliche, seelische Abläufe und Be- 
ziehungen des Menschen anschaulich wiederzugeben. Wir sagen das- 
selbe, wenn wir vermuten, daß es sich für den Künstler darum 
handelt, Zeitliches, Unanschauliches in Räumliches, Anschauliches zu 
übersetzen; Gefühle in Bilder. 

Das schmerzvollste und allerallgemeinste Erlebnis des Menschen ist 
der Verlust des Paradieses durch die Geburt. Eingespannt in die vom 
biologisch-moralischen Gewissen geforderte „Leistungswelt" (Realititäts- 
prinzip) entfernt sich jeder Mensch im aufsteigenden Teil seiner Lebens- 
bahn immer weiter von diesem Paradiese, um im höheren Alter, dem 
Tode zugekehrt, allmählich wieder in die volle Unbewußtheit seiner 
Frühzeit zurückzusinken. Aber diese Entwicklung vollzieht sich nicht 
ohne ernsdiche Einbrüche und Krisen : in jedem Leben, auch dem tätigsten 
und bewußtesten, lebt die Erinnerung an den seligen Urzustand als 
Unterströmung weiter, immer bereit, zum Bewußtsein viodringend das 
„Bergauf" des Leistungszwanges zu stören. 

Der Künstler kann nun als invertierter Menschentyp aufgefaß 
werden, der die Aufgabe erfüllt, zu den Urquellen der Kindheit 
zurückzukehren und an das schlechthin Unerreichbare, an das ver- 
lorene Paradies, in seiner Symbolsprache zu erinnern. So ist — wenn 
wir hier ein Sonderproblem aus der gesamten Kunstgestaltung heraus- 
greifen, die Darstellung der bildenden Kunst im Grunde nichts anderes 
als ein Weg zur anschaulichen Wiedergewinnung einer unrettbar ver- 
lorenen Position. Wenn sich der Primitive rohe Bildnisse seiner Götter 
formt, so sucht er damit das Gesetz der Vergänglichkeit alles Leben- 
den zu überwinden, den Vater, die Mutter, die er hat sterben sehen 
in einem geweihten Symbol zu erhalten. Daran ändert sich nicht viel 
wenn der Mensch durch Übung und höhere Begabung zu verfeinerten 
Formen bildender Gestalten aufsteigt. Die Plastiken des Straßburger 



— 53 — 



Münsters, die malerische Darstellung der Jungfrau Maria durch einen 
Präraffaeliten, es sind alles symbolische Abbilder der allen Menschen 
gemeinsamen Urerinnerungen an Eltern und Geschwister, an geliebte 
Personen, die, durch Leistung aus zeitlich vergänglicher in räumlich 
dauernde Form übersetzt, weiterleben und die ins Allgemeine erhöhte 
Beziehung des Künstlers zu seinen Geliebten spiegeln. 

Wie kommt es nun, daß Landschaft als Selbstwert künstlerisch 
erfaßt werden kann? Oder, was dasselbe ist, daß Natur als ästhetisches 
Erlebnis möglich wird? 

Da ist nun zunächst anzumerken, daß erst auf einer sehr vor- 
geschrittenen und differenzierten Stufe der Kulturentwicklung die Land- 
schaft als Selbstwert künstlerischer Abbildung erscheint. Ist die Skulptur 
als solche noch gänzlich von der unmittelbaren Quelle bildkünstle- 
rischer Arbeit gespeist, so wird in der Malerei die Landschaft erst- 
malig als Hintergrund für bevorzugte Figuren wesentlich, tritt erst spät 
selbständig und unter Verzicht auf die Vordergrundfigur beherrschend 
auf. Da wir uns aber auch die malerische Darstellung der reinm Land- 
schaft nicht unabhängig von den eigentlichen tiefsten Motiven jeder 
künstlerischen Arbeit vorstellen können, so müssen wir uns fragen, 
welches denn der geheime Lustwert ist, den der Landschaftsmaler in 
seinem Werk symbolisch darzustellen sucht, den der Betrachter im 
Anschauen mitgenießend erlebt. 

Das Wort „Paradies" selbst, das wir zuvor als symbolischen Aus- 
druck für den seligen Urzustand des Menschen, das unaufhörliche bio- 
logische Verbundensein mit der Mutter verwandten, weist uns schon 
den Weg zur Erkenntnis. Wir können nämlich, mit der eigentüm- 
lichen Doppelsichtigkeit und Zwiespältigkeit, die allem menschlichen 
Erlebnis infolge der bipolaren Anordnung der biologischen Struktur 
des Menschen eignet, die Naturumwelt nicht nur als zweckerfüllte 
Leistungswelt erleben, sondern, in bevorzugten Augenblicken, auch 
symbolisch als Lust- und Traumsphäre schauen. Ein banales Beispiel 
mag andeuten, was hier gemeint ist. Wenn neben einen am Wald- 
rand arbeitenden Holzfäller ein Spaziergänger tritt, so erleben beide 
Wald und Wiese, jedoch auf eine grundsätzlich verschiedene Art. Der 
Holzfäller erlebt aktiv den Wald als eine Anzahl von Stämmen, die 
er teils fällen, teils stehen lassen muß, den Weg durch die Wiese als 
natürliche Abfuhrmöglichkeit für die geschlagenen Bäume. Der Spazier- 
gänger dagegen erlebt sich passiv als ein unscheinbares Teilchen im Weben 
der umgebenden Natur, das Angeschaute bildmäßig als ein Symbol für 

— 54 — 



das verlorene Paradies. Erweitern wir unser Beispiel dahin, daß zu 
den Beiden als Dritter ein Maler sich hinzugesellt, so wird er sich 
zwar in seiner Betrachtungsart in gewissem Sinne dem Spaziergänger 
sehr stark annähern. Auch er wird die ihn umgebende Landschaft, 
Waldrand und Wiese, bildmäßig und passiv erleben, nun aber ver- 
suchen, in der ihm eigentümlichen Aktivität das Geschaute in einem 
bevorzugten Ausschnitt künstlerisch wiederzugeben. Wir verstehen: 
sein Hauptbestreben ist, den flüchtigen Augenblick, der den 
Spaziergänger gefühlsmäßig erfüllte, durch ein Werk zur Dauer zu 
bringen, das möglichst viel von der Symbolik des einmaligen Erleb- 
nisses festhält. 

Damit ist jedoch immer noch nicht erklärt, wieso denn überhaupt, 
für den Spaziergänger wie für den nachbildenden Künstler, das Land- 
schaftserlebnis die nötige Symbolkraft erhält, um als ästhetischer Eigen- 
wert zu bestehen. 

Wir meinen nun, daß der Künstler, indem er in möglichster Treue 
abbildet* was er sieht, gleichzeitig noch eine viel geheimere und wich- 
tigere Aufgabe erfüllt: das Gesehene so darzustellen, daß es in seiner 
Unerreichbarkeit und Unwirklichkeit auf dem Bilde wieder 
erscheint. Nicht die Kopie der Natur ist die eigentliche Mission des 
Landschaftsmalers (wie jeder sich an Hand einer so unvergleichlich 
viel getreueren photographischen Aufnahme überzeugen kann), son- 
dern die bildmäßige Wiedergabe eines einmaligen Erlebniszustandes, 
dessen Flüchtigkeit in seinem Werk symbolischen Ausdruck finden soll. 
Nicht die Relation: „So ist es!" soll im Betrachter wieder anklingen, 
sondern die Relation: „So war es!" muß, wenn anders die Malerei 
einen Sinn haben soll, aus dem Werk hervorleuchten. 

Eines der wesentlichsten Mittel, diesen höchst eigentümlichen Ein- 
druck der Vergänglichkeit, des Gewesenen, des unerreichbar Ver- 
lorenen durch ein Bildwerk zu erreichen, ist die Perspektive. 

Lange bevor Rousseau seine schwelgerischen Landschaftsschilderungen 
niederschrieb und damit der Dichtung ein Feld eröffnete, das sie bis 
heute behauptet hat, flüsterte jener Maler der italienischen Renaissance, 
von einem Traume erwachend, seinem neben ihm liegenden Weibe 
das seltsame Wort zu: „Welch süßes Ding ist doch die Perspektive!" 
Er hatte den Lustwert der Perspektive entdeckt, und dieser Lustwert 
ist ihr Jahrhunderte hindurch verblieben. Warum verwandte Brunel- 
leschi wohl gerade das Wort „süß" in diesem sonderbaren Zusammen- 
hang? Läßt sich überhaupt eine Beziehung zwischen diesem Wort 

— 55 — 



und einer besonderen Raumanordnung in der malerischen Kunst her- 
stellen? Daß wir mit unserem bewußten Zweifel an dieser Möglich- 
keit ein geheimes Verständnis dafür verbinden, deutet schon an, daß 
es sich um eine aus dem Unbewußten stammende Verwandtschaft 
handeln muß. „Süß" ist das erste Erlebnis des Säuglings, der an die 
Mutterbrust gelegt wird, „süß" alles, was an diesen Augenblick erinnert, 
mag es später auch durch einen anderen Sinn zum Bewußtsein ge- 
langen. So dürfen wir wohl vermuten, daß auch die Perspektive 
irgend etwas in sich birgt, was an das „verlorene Paradies" gemahnt. 

Wenn wir uns fragen, was mit der Perspektive erstmalig an Neuem 
in den Bildraum der Malerei eintritt, so entdecken wir, daß es das 
Erlebnis der Ferne ist, das uns durch dieses technische Mittel plötz. 
lieh bewußt wird. Ferne aber ist nichts anderes, als das schlechthin 
Unerreichbare, das, wovon uns ein unüberbrückbarer Raum trennt. 
Die zeitliche Ferne des Gewesenen, die individuelle Vergangenheit, 
den glücklichen Urzustand vermag die Malerei durch ein neues Symbol 
jetzt erstmalig räumlich darzustellen, indem sie das zeitlich Ferne 
in räumlich Fernes wandelt. Es soll hier keineswegs behauptet 
werden, daß etwa die Perspektive das einzige Mittel wäre, die Natur 
als Traumerlebnis anschaulich zu schildern. Sonst wäre z. B. die ge- 
samte hochentwickelte Malerei des Fernen Ostens unerklärbar, die 
ohne Perspektive in unserm Sinne arbeitet. Aber sie ist ein besonders 
bevorzugtes Mittel für denjenigen Künstler und Betrachter, der den 
Spannungszustand des Lebens, die Tragik des Einmaligen, die Un- 
wiederbringlichkeit des Paradieses, besonders schmerzvoll erlebt. Die 
Perspektive löst den Vordergrund mehr und mehr auf. Sie setzt gerade 
das Nächste, das Sichtbarste im Bildraum in seiner Bedeutung herab, 
macht es zu einem Mittel, die Ferne nur um so deutlicher zu betonen. 
An den Bäumen eines sich öffnenden Waldes entlang gleitet der Blick 
hinein in die Unendlichkeit, über einen Kranz blauer Berge hinweg 
in einen helleren Horizont, Alle künstlerischen Mittel, Zeichnung und 
Farbe, dienen nur dazu, den Fliehpunkt zu betonen, so, als ob dieser 
eine Punkt das Einzige wäre, um dessentwillen das Bild gemalt wurde. 

So vermögen wir im perspektivischen Bilde das Nahe als das Störende 
zu vergessen, das Ferne als das eigentlich Wichtige und Bedeutsame 
zu erkennen, genau wie der Mann, der sich, aufschauend vom Lebens- 
zwang und harter Arbeit, plötzlich auf seine Kindheit besinnt, „um 
noch einmal die grünen Pfade der Erinnerung zu wandeln". 

»Hl 






56 



Zur Psydhoaealyse des fliadheos 

Von 

Gustav Hans Graber 
I 

Soweit ich die psychoanalytische Literatur zu überblicken vermag, 
ist das Fluchen noch nicht Gegenstand spezieller Untersuchung ge- 
wesen. Es ist ja auch nur ein scheinbar geringer, sicher aber häufig 
vorkommender und stark verpönter — und vielleicht gerade aus 
letzterem Grunde wissenschaftlich wenig beachteter — Ausdruck 
des besser bekannten Aggressionstriebes. Aber ich glaube die 
Erscheinung doch einer besonderen Beachtung wert. Dies umsomehr, 
als der Aggressionstrieb neuerdings von Freud („Das Unbehagen in 
der Kultur") als Primär trieb wieder mit Nachdruck in den Vorder- 
grund des Interesses gerückt wurde. 

Der Fragenkomplex, der bei einer Behandlung unseres Themas 
auftaucht, ist ein ordentlich verwickelter und ruft deshalb nach einem 
Plan der Gliederung. 

Wir haben wohl vorerst zu unterscheiden zwischen dem eigent- 
lichen Fluchen, dem Verfluchen und der Beschimpfung. 

Alle drei Ausdrucksweisen zeigen als gemeinsame Merkmale, daß 
sie mehrminder spontane Affektentladungen von verhaltenem 
Groll, Ärger, Neid, Haß, verhaltener Eifersucht, Wut usw., kurz, ver- 
haltener Aggression gegen sich oder den Nächsten sind, daß diese 
Entladungen durch das Wort geschehen, und daß dieses Wort aus 
den extremen Gebieten des Allerheiligsten, Erhabensten und Aller- 
unheiligsten, Verpöntesten entnommen ist. 

Obgleich Fluchen, Verfluchen und Beschimpfen aus denselben Trieb- 
quellen gespeist werden, möchte ich mein Augenmerk der Verein- 
fachung halber doch mehr dem ersteren zuwenden und die beiden 
letzteren nur abgrenzend streifen. 

Sicher stehen alle drei sprachlichen Ausdrucksweisen zutiefst ver- 
ankert auch mit der Magie des Primitiven, mit dem Glauben an die 
zauberhafte Wirkung des Wortes, im Zusammenhang. Dieser Zu- 
sammenhang zeichnet aber von allen dreien das Verfluchen ganz 

— 57 — 



besonders aus und bildet wohl auch das Hauptmerkmal seiner Unter- 
scheidung. Man würde also dementsprechend bei einer Untersuchung 
des Verfluchens das Schwergewicht mehr auf die Beziehung des Wor- 
tes zu seiner Wirkung legen, als etwa auf das formal Inhaltliche des 
Gesprochenen und würde dabei entdecken, daß das Verfluchen, öder 
der Fluch, wie es in religiöser Ausdrucksweise meist heißt, eine gegen- 
sätzliche Wirkung erzeugen soll als das Segnen. Man möchte sagen, 
daß in der menschlichen Ambivalenz der Gefühlsbeziehungen zu an- 
deren Menschen das Segnen höchster lautlicher Ausdruck des Lebens- 
und Liebestriebes wäre, während das Verfluchen derjenige des Todes- 
und Destruktionstriebes. Dabei erinnern wir uns, daß im Tierreich ja 
etwas ganz ähnliches sich uns in den Rufen und Lauten der ge- 
schlechtlichen Lockung einerseits und in den Schrecklauten der magi- 
schen Bannung anderseits präsentiert. 

Der verbale Ausdruck der menschlichen Begehrungen gegenüber 
den Mitmenschen ist also gleichsam mit den äußersten Polen des Seg- 
nens und Verfluchens — d. h. dem Wunsch nach Erhaltung und 
Vernichtung — begrenzt. Alle anderen Ausdrucksweisen, die eine 
Gefühlsbeziehung wiedergeben, liegen dazwischen, zwischen dem Wort 
höchster Liebe und höchsten Hasses. Deshalb auch ruft Nietzsche, 
den ja nur die äußersten Extreme zu locken vermochten, den „Leise- 
tretern und Halb- und Halben" zu: „Lieber noch will ich Lärm und 
Donner und Wetter-Flüche, als diese bedächtige zweifelnde Katzen- 
Ruhe . . . Und wer nicht segnen kann, der soll fluchen lernen." 

Wie sehr auch der heutige Kulturmensch noch an der magischen 
Macht des Wortes hängt, dies zu zeigen, ließen sich Beispiele genug 
aus allen Gesellschaftsschichten und geistigen Gemeinschaftskreisen er- 
bringen. Denken wir z. B. an die vielen abergläubischen Zauberfor- 
meln des Bauern, an die Angst vor dem Verfluchen, dem Versündi- 
gen im Wort, bei so vielen Religiösen, an den primitiven Glauben 
des Bewirkens. einer Realität durch das Wort — der zeugenden 
Macht des „flatus vocis" — bei Neurotikern und Psychotikern, an ge- 
wisse literarisch-hochkultivierte Zirkel, für die die Sprache, vornehm- 
lich als wahre Dichtung, als „poesie pure", nicht ein Mittel ist, Erleb- 
tes oder Erkanntes auszudrücken, sondern das Erlebnis selbst, Magie j 
Wirkung, „Form der göttlichen Kraft", Schöpfung im eigentlichen 

- 58 - 



Sinne, „denn der Dichter sagt durchs Wort die Dinge selbst, der 
Denker hat über die Dinge zu reden" (Gundolf). 

Mit diesem Problem ringt auch Goethe in seinem Faust: 

Geschrieben steht: „Im Anfang war das Wort!" 

Hier stock' ich schon ! Wer hilft mir weiter fort ? 

Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen, 

Ich muß es anders übersetzen, 

Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin. 

Geschrieben steht : Im Anfang war der Sin n. 

Bedenke wohl die erste Zeile, 

Daß deine Feder sich nicht übereile ! 

Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft ? 

Es sollte stehn : Im Anfang war die Kraft! 

Doch, auch indem ich dieses niederschreibe, 

Schon warnt mich was, daß ich dabei nicht bleibe. 

Mir hilft der Geist ! auf einmal seh' ich Rat 

Und schreib' getrost : Im Anfang war die T a t ! 

Worüber Faust sich aber nicht Klarheit zu verschaffen weiß, das ist 
die Tatsache, daß im Anfang, bei den Urvölkern nämlich, das Wort 
eben noch Sinn und Kraft und Tat war, und daß es erst als Folge 
der Verdrängung in späterer Kulturperiode an Stelle der Tat trat. 

Deutlich zeigt sich letzteres bei der Beschimpfung, die, in ihrer 
weitgehenden Entwirklichung von der magischen Kraft, dem Fluchen 
verwandter ist und sich von diesem eigentlich nur darin unterscheidet, 
daß sie lediglich sadistische Aggressionsäußerung ist. 

In dieses Kapitel gehören sicherlich auch die scheußlichen Dro- 
hungen, die — sogar in der Erziehung — in unverhaltener Sucht 
alle Greuel der primitiven und mittelalterlichen Folterqualen herauf- 
beschwören, wobei meist weder der geifernde Bedroher noch der Be- 
drohte glauben, daß irgend eine Drohung verwirklicht wird. Daß jedoch 
das Wort auch in dieser Hinsicht seine Urkraft nicht ganz eingebüßt 
hat, das wird schon daraus ersichtlich, daß die Kulturwelt Beschimpfungen, 
die als Ehrverletzungen anzusprechen sind und besonders krasse Be- 
drohungen auf Leben und Gut des Mitmenschen, bestraft. 

Damit haben wir in groben Zügen Verfluchen und Beschimpfen 
gezeichnet und können uns nun unserem eigentlich gestellten Problem 
des Fluchens zuwenden. 

— 59 — 



II 

Wann und warum flucht der Mensch? Wir wollen vorläufig vom 
vermehrten Fluchen in toxischen Rauschzuständen absehen. Der nor- 
male Mensch kann sich zu einem Fluchen hinreißen lassen durch ge- 
legentliche exogene, unlustvolle Emotionen, während z. B. bestimmte 
Neurotiker oder Psychotiker, die dauernd in quälender Spannung und 
Erregung stecken, endogen notorische Flucher sind, ständig krampf- 
haft diese Art der Entladung suchen. 

In der Affektentladung ist die Antwort auf das „Warum" ange- 
deutet. Das Fluchen ist als Spannungs-Abfuhr ein damit verbundener 
Lustgewinn, 1 gleichzeitig Ausdruck einer entweder mehr masochisti- 
schen oder mehr sadistischen Aggression und als solche zumeist auch 
Reaktion auf ein Ohnmachtsgefühl, indem nämlich die eigentliche ag- 
gressive Aktion wegen Unerreichbarkeit oder Übermacht des Gegners 
nicht gewagt, unterdrückt und durch das Wort, das den Wunsch- 
charakter der magischen Verwirklichung trägt, ersetzt wird. Das Ohn- 
machtsgefühl der Handlungsgebundenheit wird dadurch kompensiert, 
daß dem Wort — auf der magischeren Stufe des Verfluchens noch 
bewußter, beim Fluchen unbewußter — die Allmacht des Gedankens, 
meist in Relation und Personifikation eines übermächtigen Wesens 
(Gott, Teufel u. a.), unterschoben wird. Damit ist auf das „warum" 
freilich nur in groben Strichen eine Antwort gezeichnet. Details sollen 
die Skizzierung vervollständigen bei anderen Fragestellungen. 

Auch bei der Frage, gegen wen sich das Fluchen richtet, wollen 
wir uns nicht aufhalten. Meist ist es eine Antwort auf eine narzißti- 
sche Kränkung, eine Macht- oder Liebesbeschränkung seitens der 
Außenwelt (hinter der nicht unbedingt eine Person stehen muß), oder 
seitens des Über-Ichs, wobei sich dann das Fluchen gegen das eigene 
Ich richtet. Beim notorischen Flucher fällt überhaupt oft die äußere 
Veranlassung weg. Er flucht freilich auch dem andern, meint aber im 
Tiefsten doch sich selber und gibt im Fluchen ebensosehr dem Wider- 
willen darüber Ausdruck, daß er überhaupt gekränkt und eingeschränkt 

l) Ein moderner Autor, Eugen Meli, stellt in einem Gedicht diese Wirkung nach 
dem Fluchen derjenigen nach dem Beten gleich: „Und mir ist's wie nach Fluch oder 
Gebet." (Stuttg. Tagbl. 209, 1930.) 

— 60 — 



ist als der akzidentellen, tatsächlichen, äußeren Kränkung und Be- 
schränkung. 

Bevor wir an die interessante Frage, „Was flucht der Mensch?" 
herantreten, versuchen wir noch, eine Antwort darauf zu finden, wer 
besonders flucht. Nicht jedermann reagiert auf Kränkung mit Fluchen. 
Der Volksmund sagt: Der Mann flucht wie ein Stallknecht, wie ein 
Fuhrmann, wie ein Söldner, wie ein Trunkenbold u. a. m., die Frau 
wie ein Marktweib, wie eine Dirne u. a. m. Ganz allgemein möchte 
man sagen, wird von den Klassen vorwiegend geflucht, deren Beruf 
oder sonstige Stellung im Leben eine Lockerung der Kulturschranke 
begünstigen, wie z. B. die stete Beschäftigung mit Tieren (Bauern, 
Fuhrleute, Stallknechte, Bereiter, Dresseure), dann Berufe mit stark 
sadistischen Befriedigungsmöglichkeiten, wie Metzger, Soldaten, Auf- 
seher, Henker u. a. 

Sagen von fluchenden Fuhrleuten u. a., die ihre Tiere quälen, und 
die dann der Teufel holt, sind sehr häufig (Grimm, Mannhardt, 
Kühnau usw.) und zeigen, wie sehr der Mensch dort, wo ihn die 
Angst vor der Vergeltung nicht hemmt, geneigt ist, seinem Aggres- 
sionstrieb zu frönen. Bekannt ist ferner, wie sehr auch im Soldaten- 
leben das Fluchen — wahrscheinlich gefördert durch die homo- 
sexuelle Bindung und durch das Fehlen der Frau, die ja, sofern 
sie nicht zum Typus des Mannweibes gehört, das Fluchen meidet und 
verpönt — an der Tagesordnung ist. 

Wie predigt der Kapuziner in Schillers Wallenstein? 

Es ist ein Gebot : du sollst den Namen 

Deines Herrgottes nicht eitel auskramen, 

Und wo hört man mehr blasphemieren 

Als hier in den Friedländischen Kriegsquartieren ? 

Wenn man für jeden Donner und Blitz, 

Den ihr losbrennt mit eurer Zungenspitz, 

Die Glocken müßt' läuten im Land umher, 

Es war' bald zu linden kein Meßmer mehr. 

Und wenn euch für jedes böse Gebet, 

Das aus eurem ungewaschnen Munde geht, 

Ein Härlein ausging aus eurem Schopf, 

Über Nacht war' er geschoren glatt, 

Und war' er so dick wie Absalons Zopf. 

— 61 — 



Während weltliche Gesetze nur in vereinzelten Gemeinden etwa 
Verbote gegen das Fluchen erließen, traten die Kirchen stets streng 
dagegen auf, weil sie darin einerseits eine Blasphemie erkannten und 
andererseits noch sehr stark am alten Glauben der magischen Kraft 
des Wortes hängen blieben und die unmittelbare Wirkung erwartend, 
abstruse Möglichkeiten der Schädigung des „Angefluchten'' (Verfluchten) 
prophezeiten. Die weltlichen Rechtsgelehrten dagegen glaubten und 
glauben weniger an die schädigende Wirksamkeit des Fluchens. 

Weit mehr denn äußere Ursachen — wie Zugehörigkeit zu gewissen 
Volks- und Berufsklassen, deren Gehaben wie zum Herabsetzen der 
Kulturschranke und damit, neben anderen asozialen und dissozialen 
Lebensgewohnheiten, zum Fluchen wie prädestiniert sind — bilden 
psychische Bedingtheiten Bereitschaft und Veranlassung zum Fluchen. 
Unter ihnen steht der orale Sadismus, der die primitivste Form. 
sadistischer Betätigung darstellt, im Vordergrund, indem nämlich die 
Sprache, ganz besonders aber das Fluchen, in enger Beziehung zum 
Kannibalismus steht. 

Oft hört man wohl deshalb im Volksmund über einen keifenden, 
schimpfenden und fluchenden (den Kiefer bewegenden) Menschen ur- 
eilen, er hätte sich gebärdet, als ob er jemanden hätte fressen wollen. 
Das Fressen als primitivste Vernichtungsart spielt übrigens, wie wir 
sehen werden, auch unter den Fluchformeln eine erhebliche Rolle. 

Zu Fluchern aus innerem Drang werden oft auch Menschen, deren 
bewußte und unbewußte Schuldgefühle sie zu einem Strafbe- 
d ü r f n i s treiben, das sie im Wort wenigstens fiktiv befriedigen, indem 
sie fluchend alles erdenkliche Ungemach und Unheil — sogar in 
grausamsten Formen — auf sich herabbeschwören. Nach unzähligen 
Sagen trifft ja den Flucher überhaupt Strafe, auch wenn sie nicht direkt 
im Fluchspruch geäußert und gewünscht wird. Zurückzuführen ist diese 
Einstellung vornehmlich auf die Kirchen, die meistens Strafen für das 
Fluchen prophezeien. Trotzdem, oder gerade deshalb flucht der schuld- 
beladen Strafbedürftige, d. h. er „verschafft sich Luft" im Fluchen 
und vergrößert damit seine Schuld, um endlich die „reinigende" Strafe 
zu erfahren. Diese Art von Fluchen befriedigt besonders seinen Ma- 
sochismus. 

Wenn wir ausgesprochene Vorliebe zum Fluchen bei Homosexuellen, 

— 62 — 



1 



r >. 



bei Sadisten und Masochisten fanden, so können wir übrigens leicht 
die Liste der durch krankhafte oder perverse Triebanlagen 
bedingten Flucher vergrößern, wir brauchen nur daran zu erinnern, 
daß gewisse Flucher ständig die mit dem Analen oder Urethralen 
in Beziehung stehenden Attribute zum wesentlichen Inhalt ihrer Flüche 
machen, so daß sich diese ihre Logorrhöe wie eine förmliche K o p r o- 
lalie anhört. 

Gleich einer Wiederkehr aller verdrängten Triebregungen treten 
beim Fluchen die verpönten Dinge wieder ans Tageslicht — oft in 
bunter Mischung, die uns an die tatsächlich im Triebleben herrschende 
Mischung entgegengesetzter Strebungen gemahnt. 

Was wir aber in diesem Zusammenhang hervorheben müssen, das 
ist die Tatsache, daß im Fluchen der Ödipuskomplex einen be- 
sonders auffallenden Ausdruck findet, indem Gott und Teufel, das er- 
höhte und erniedrigte Idol des Vaters, geradezu das in den Flüchen 
kaum entbehrliche Subjekt ist, das mit seinen verderbenbringenden 
Machtmitteln wie Donner, Blitz und Feuer aufmarschieren und ver- 
nichten oder selber dem Verderben herhalten muß. 

Sicher ist anzunehmen, daß der Flucher, der stets den Namen Gottes 
oder des Teufels im Munde führt, ebensowenig mit seinem Ödipus- 
komplex ins Reine gekommen ist wie der in stetem Beten sich Gott 
Unterwerfende. Beide sind Schuldbeladene. Der eine sucht sich der 
Schuld in aktiver, der andere in passiver Haltung zu entledigen („Und 
mir ist's wie nach Fluch oder Gebet"). Auf diesem gemeinsamen seeli- 
schen Boden gewachsen, steht wohl auch die Tatsache, daß Flüche, wie 
das Gebet, eine kathartische Kraft bergen und deshalb auch Wohl- 
ergehen und Gedeihen fördern können. So werden z. B. böse Geister, 
Kobolde, Doggeli, Schrätele, Irrlichter u. a. m. (z. B. aus Herden) aus- 
getrieben, gedeihen gewisse Tiere und Pflanzen (Kümmel, Raute, 
Basilienkraut) nur unter Fluchen. Streng religiöse Denkart verwirft 
freilich auch diese Art des Fluchens. 

Während aber meist der Sinn der Gott = Vaterbeziehung im Fluchen 
der der Straferwartung oder des Strafverhängens ist, — also wie eine 
Folgeerscheinung auf Vatermord und Inzestliebe aussieht, — gibt es 
auch Flüche, die des Vaters (oder der Mutter) Tod heraufbeschwören 
und in übertragenem Sinne auch den der eigenen — selbst der noch 

— 63 — 



zu erwartenden — Kinder. 1 Aber ebenfalls der Inzest selbst soll, wie 
man mir berichtet, z. B. bei den Russen, in kräftigsten Flüchen bei 
niedersten Volksschichten ausgesprochen werden. 

Doch damit sind wir bei der Typisier ung der Flucher bereits auf 
eine Fährte geführt worden, auf der wir erkennen, daß die häufig 
wiederkehrende Fluchformel, also das, was der Mensch flucht — in 
engstem Zusammenhange mit seiner ganzen Triebanlage steht. 

Wir wollen abschließend nur noch erwähnen, daß Menschen in 
toxischen Rauschzuständen — vor allem in den durch Alkohol ver- 
ursachten — der Regression entsprechend, die diese Zustände aus- 
lösen, sich auch im Fluchen auf eine schrankenfreiere Stufe stellen. 



III 

Auf die uns noch interessierende Frage, was der Mensch flucht, also 
auf die Frage nach dem Inhalt der Flüche, haben wir in den oben 
angedeuteten Beziehungen der Fluchformeln zu den sie aussprechenden 
verschiedenen triebbedingten Charakteren bereits Antworten gefunden. 

Es müßte einer eingehenden Untersuchung vorbehalten bleiben, mit 
dem reichen Material an Fluchformeln aufzuwarten, um an Hand dessen 
die erwähnten Beziehungen zum Triebleben nachzuweisen. Ich setzte 
die Kenntnis der gebräuchlichsten Fluchwendungen als allgemein be- 
kannt voraus, gebe freilich zu, daß ihr Sinn meist nicht erfaßt wird, 
weil er zum einen Teil aus magischer Scheu entstellt wurde (z. B. Potz 
statt Gott(e)'s, Sapperment statt Sakrament, Jemine statt Jesus Domine, 
Dunnersaxen statt der Verbindung der Götter Donar und Saxnot), zum 
größeren Teil aber einfach in der wördichen Formulierung überhört 
wird. 

Um dem Vorwurf, von einer wenig berechtigten Voraussetzung aus- 
gegangen zu sein, entgegenzusteuern, will ich deshalb zum Schlüsse 
noch einzelne mir besonders erwähnenswerte Bekräftigungsflüche zitieren, 
um an ihnen veranschaulichend das Ausgeführte zusammenzufassen. 

Dabei möchte ich, erwägend, daß das Fluchen vornehmlich Aggres- 
sionscharakter hat, es vermeiden, auf die Flüche einzugehen, die in 

1) Siehe „Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens" (Bd. II, Lief. 10). Verlag 
de Gruyter, Berlin. 

— 64 — 



i 






ihrem Inhalt die Beziehungen zu andern, in diesem Zusammenhang 
untergeordneteren, Trieben aufweisen. Ich greife also, von der hier 
zentralsten Triebbedingtheit ausgehend, nur Flüche heraus, die deutlich 
die Aggressionsneigung bekunden. 

Im „Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens" finden sich u. a. 
folgende Bekräftigungsflüche angeführt: „Gott straf mich! — Hol dich 
der Teufel! — Der Teufel soll dich vierspännig holen! — Daß dich 
nur das beste Paar Hexen reiten tat von Gomaringen ! — Der Teufel 
soll dich lotweis holen! — Daß dich das Mäuslein beiße! (Hierzu 
wird bemerkt: „wohl unbewußte Entstellung, indem Mäusl für Mi sei 
d.i. Aussatz, eingetreten ist.") — Der Teufel fuhr ihm in den Mund! 
— An den Regenbogen möge ich gehängt werden ! (Er möge mir als 
Krawatte dienen.) — Die Wölfe mögen dich fressen oder nagen, oder 
die wilden Krähen, oder die Raben. Daß mich die Maden essen! — 
Er werde zu einem Stein! — Die Erde möge sich öffnen und mich 
verschlingen ! — Daß des Himmels Feuer mich vernichte ! * * 

Aus der Schweiz sind mir auch folgende Bekräftigungsflüche be- 
kannt: Der Schlag soll mich treffen! — Da lasse ich mir den Kopf 
abschlagen! — Da will ich mir die Augen ausstechen lassen! — Da 
lasse ich mir den „Seckel" (Penis) ausreißen (abschneiden)! 

In zwei Aufsätzen hat u. a. P. Fr. Dunkel 2 den grellen Gegensatz 
feinster Höflichkeit und Sitten der Araber Palästinas in ihren Gruß- 
und Segensformeln zu der ihnen gebräuchlichen „kaum übertreffbaren 
Flut von Schimpfworten, Flüchen und Verwünschungen • betont. Dunkel 
behauptet von diesen Arabern, es gäbe unter ihren krassesten Flüchen 
welche, „die man unmöglich wiedergeben" könnte. Es wird sich um 
solche handeln, die, wie dies übrigens wohl bei den untersten Schichten 
aller Völker vorkommt (und wie erwähnt) mit Kastration, Inzest, 
Analerotik und grausamsten Aggressionen zusammenhängen. 

Ich greife einige der Araberflüche heraus. Vorausschicken möchte ich 
noch, daß entgegen der in europäischen Staaten im allgemeinen ge- 
bräuchlichen Zurückhaltung des weiblichen Geschlechts, die Araberin 
nach Dunkel beim Fluchen in keinerlei Weise den Männern nach- 



1) Die meisten dieser Flüche werden bei Grimm und bei Sebill ot angeführt. 

2) Das Heilige Land. 74. Jg. Heft 2, Köln. 

PsA. Bewegung IH — 65 — . 



stehe, wenn sie sich die „harmlosesten Ausdrücke" gegenseitig an den 
Kopf werfen, wie: „Verflucht sei dein Vater und der Vater deines 
Vaters! (,abu abüki.') — Du Schamlose, du Gemeine, du Gottver- 
fluchte, du Lahme, du Einäugige!" 

„Gott vernichte deine Augen! — So Gott will, stirbst du bald! 
So Gott will, begraben wir dich bald und halten an deinem Grabe 
Totenmahl !" 

Im Grunde handelt es sich hierbei ebensosehr bloß um Beschimpfun- 
gen, aber es ist wohl kaum möglich, diese vom Fluchen scharf abzu- 
grenzen. 

Allgemein gebräuchlich im arabischen Volk — wie auch in andern 
Völkern — sind die Beschimpfungen mit Tiernamen. (Hund, Hunde- 
sohn, Ochse, Esel, Bock), aber auch Verwünschungen und Flüche, 
wie: „Gott verfluche deinen Vater! — Gott verbrenne dein Haus! — ■ 
Auf der Stelle sollst du krepieren ! — Verflucht sei deine Religion ! 
Gott verbrenne deine Toten (nach Dunkel zu ergänzen: „in der 
Hölle.") ! — Gott möge deinen Lebensfaden abschneiden ! — Möch- 
test du gleich sterben! — der Todesengel Ozrain soll dich holen! 
— Gott schneide dir ab deinen Erwerb! — Er mache deine Kinder 
zu Waisen! — Gott nehme dir alle Kinder (die Frau)! — Es werde 
dein Essen zum Gift und Blut von oben und unten! ■ — Gott ver- 
nichte deine Augen ! — O wäre doch dein Hals zur Schlachtung aus- 
gestreckt! — Bei Gott, ich werde dich schlachten!" 

Die Wucht der Aggressionen kommt in all diesen Flüchen wie aus 
tiefsten Abgründen der menschlichen Seele, in der sie festgekettet lag, 
unverhüllt zum Vorschein. Schonungslos wird Tod und Verderben 
nach den primitivsten Vorbildern menschlicher oder unmenschlicher 
Befriedigung des Vernichtungsdranges im Worte ausgesät. Wie bei 
den Urvölkern spielen auch hier, soweit der Aggressionswunsch eine 
bestimmte Form der Vernichtung ausdrückt, Kannibalismus und 
Kastration in nackter und verkleideter Form [Der Teufel soll in 
den Mund fahren, von Tieren usw. gefressen werden (passiv), Penis 
ausreißen, Augen ausstechen, Kopf abschlagen] die vorherrschende 
Rolle. Dazu kommen die Verwünschung des Versinkens in der 
(Mutter =) Erde, des Holens durch den Teufel (zur Verbrennung in 
der Hölle = Hei), des Verbrennens durch Feuer usw., Vernichtungs- 

— 66 — 



- 



arten, deren Symbolcharakter die Psychoanalyse mit dem Mutterleib- 
regressionswunsch in Zusammenhang brachte. 

Überall dort, wo die Aggression im Wortlaut des Fluchens gegen 
ein Objekt gerichtet ist, ließe sich für letzteres auch das eigene Ich 
setzen, und umgekehrt, wo das Subjekt steht, kann es durch das Ob- 
jekt ersetzt werden. Dies geschieht auch tatsächlich bei den meisten 
Fällen (Hol mich (= dich) der Teufel!) und gibt uns vielleicht 
einen Hinweis auf die Genese des Aggressionstriebes, der sich erst 
mit der auftretenden Scheidung von Subjekt und Objekt in eine mehr 
gegen die Umwelt (Sadismus) und eine mehr gegen das Ich (Maso- 
chismus) gerichtete Komponente spaltete. Endziel der Aggression mag 
die Herstellung einer Einheit von Subjekt und Objekt — entsprechend 
der anfänglichen Einheit von Mutter und Kind — sein, ein Ziel, das 

— zum Unterschied von den auf Vereinigung hinarbeitenden Trieben 

— nur durch Aufhebung und Vernichtung der einen oder der andern 
Seite zu erreichen versucht wird. 

Das Fluchen erweist sich also — weil vornehmlich Aggressions- 
äußerung — auch als ein Ausdruck des von Freud postulierten 
Destruktionstriebes. Freilich die Destruktion ist stark einge- 
schränkt, umgebogen und durchsetzt mit libidinösen Strebungen aus- 
gesprochen regressiver Art, die deuüich im Dienste des Lustprinzips 
stehen. 

Anmerkung des Herausgebers 

Grabers Aufsatz weist in dankenswerter Weise darauf hin, daß die 
psychoanalytische Erforschung der Phänomene des Fluches und des Fluchens 
noch aussteht. Doch auch Grabers Aufsatz beschränkt sich (absichtlich) nur auf 
einen Teil der psychoanalytischen Möglichkeiten. Die Fragestellungen sind gewiß 
noch reichlich zu vermehren. Vor allem dürfte der religionsgeschicht- 
liche Zugang eine gute Ausbeute bieten. So z. B. wäre unbedingt der 
Zusammenhang zwischen Fluchen und Segnen noch zu untersuchen, nicht 
minder der Zusammenhang zwischen dem Fluchen und dem Beschwö- 
ren, dem Anrufen der Gottheit und dem „Zaubern" überhaupt. Von den 
bereits vorliegenden Untersuchungen über das zwanghafte Gottes- 
lästern (besonders bei Pfister und Reik, aber berührungsweise auch bei 
anderen Autoren) dürften ebenfalls Fäden zum Problem des Fluchens 
führen. Die Beziehung zwischen Verfluchen und Hinrichten (Menschen- 
opfer) dürfte ebensowenig vernachlässigt werden. Es besteht ferner 

— 67 — 



zweifellos auch ein Zusammenhang mit dem Tabu- Problem (Tabu ist 
»geheiligt", „geweiht", „gebannt" und auch „ausgestoßen"). Die Institution 
des „Bannes" wäre auch zu untersuchen, u, zw. nicht nur kirchen- 
geschichtlich (z. B. Ausstoßung aus der jüdischen Gemeinde, katholische 
Exkommunikation), sondern auch politisch-historisch (Vogelfreierklärung, 
Degradieren usw.). Auch vom Eingehen auf den Zusammenhang zwischen 
Fluchen und Abwehr (Schutzformel) ist Aufschluß zu erwarten. Und ver- 
dienen nicht auch solche spezielle Detailfragen, warum z. B. einzelne Völ- 
ker (die angelsächsischen) den Sündecharakter des Fluchens so besonders 
stark betonen, im Gegensatz zu vielen anderen Völkern, den Versuch einer 
Aufklärung ? 

Mehr in das Gebiet der allgemeinen Psychologie führt das Problem der 
Pornolalie, der Freude am Obszönreden und die Probleme des Spottes, des 
Verhöhnens, des Beleidigens und des Beleidigtsems, der Verbalinjurie, die 
natürlich z. T. auch rechtsgeschichtlich zu betrachten wären. Vor'teilhafter- 
weise müßte auch die Hilfe der psychoanalytischen Psychiatrie angesprochen 
werden, verheißt doch das deutbare Material aus dem scheinbar sinnlosen, 
aggressiven „Wortsalat" der Psychotiker die Möglichkeit, manches dunkle, 
archaische Element der Fluchtexte aufzuklären. 

Schließlich noch eine kleine Ergänzung zu den volkskundlichen Angaben 
Grabers. Die häufigste Schimpfformel bei den meisten osteuropäischen Völ- 
kern (Magyaren, Rumänen, Serbokroaten und andere Slaven) ist die obszön 
formulierte und mit perversen Variationen reichlich geschmückte Drohung, 
man werde die Mutter des Angesprochenen schänden oder die ebenso 
drastisch formulierte Aufforderung, in den Mutterleib zurückzukehren. Bei 
beiden Formeln ist die Nähe des Inzestkomplexes unverkennbar. 

A. J. St. 



1 



Soeben erschien: 

h-ricn fromm 
Uic Entwicklung des Cnristusclogmas 

Eine psychoanalytische Studie 
5ur so^i&Ipsychotogtschen Funktion der Religion 

Geheftet M&tTc 3'~ 
Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Wien 



68 









Die Versuchungen der Asketen 



Von 



Kristian Sdijeldermp 



Aus dem im Verlag Walter de Gruyter & Co., Berlin, erschienenen Buche 
„Die Askese" von Kristian Schjelderup, das die Askese und die 
damit zusammenhängenden religions-psychologischen Probleme auf psycho- 
analytischer Grundlage behandelt, geben wir (mit Genehmigung des Verlags 
und des Verfassers) mit einigen Kürzungen einen Abschnitt des Kapitels über 
die „Wirkungen der Askese" wieder. Dr. Schjelderup ist Dozent der Theo- 
logie an der Universität Oslo ; seine Untersuchung stützt sich nicht allein auf 
die asketische Literatur, sondern auch auf persönliche Beobachtungen in katho- 
lischen Klöstern Mitteleuropas, in Brahmanen- und Buddhistenklöstern in 
Indien, China, Japan usw. und auch auf die von ihm vorgenommene Ana- 
lyse eines Einsiedlermönches aus dem Orden der Augustiner. Die (protestanti- 
schen) kirchlichen Vorgesetzten Dr. Schjelderups in Norwegen haben ihm 
wegen seiner Beschäftigung mit der Psychoanalyse die Ausübung des Seel- 
sorgerberufes untersagt. (Man vgl. auch das Referat „Askese und Sadomaso- 
chismus" in „Die psychoanalytische Bewegung", I. Jahrg. 1929, S. 193 ff und 
die Besprechung des Buches im Sonderheft „Religionspsychologie" der „Imago", 
XVI, 1930, S. 540 ff.) — Ein anderer Abschnitt des Buches („Träume und 
Halluzinationen der Asketen") ist in dem soeben erschienenen „Almanach 
der Psychoanalyse 1931" abgedruckt. 

Auf einer bekannten Radierung von Felicien Rops sieht man einen 
Asketen vor dem Kruzifix im Gebet knieend : wie ein Schatten entschwindet 
die Gestalt des Heilands und an ihrer Stelle steigt strahlend das Bild eines 
üppigen, nackten Weibes in der Stellung des Gekreuzigten hervor. Das 
psychologisch Interessante dieser Darstellung der Versuchung ist, daß der 
Künstler die personifizierte Sünde den Platz des Heilandes am Kreuze ein- 
nehmen läßt. Dies scheint mir eine typische Illustration des Freud sehen 
Gesetzes : Rückkehrend tritt das Verdrängte eben aus dem, was die Ver- 
drängung bewirkte, hervor. Die verdrängte Sexualität rächt sich, indem sie 
sich der sie verdrängenden Kraft bemächtigt. Wir werden später sehen, wie 
dies zu der völligen Sexualisierung ganzer Religionen führen konnte. 

Eine Reihe von asketischen Schriften aus dem vierten und fünften Jahr- 
hundert, von Evagrius, Nilus und Cassianus, suchen Ausdruck für 
dieselbe Erfahrung. In merkwürdig genauer Übereinstimmung geben diese 
Verfasser ein Bild von „den acht Geistern der Bosheit", aus dem wir er- 
kennen, wie jeder einzelnen Hauptübung der asketischen Praxis eine be- 
stimmte Art stetig wiederkehrender Versuchungen drohend gegenübersteht. 
Die Versuchungen werden objektiviert. Jeder einzelne „Geist der Bosheit" 

— 69 — 



steht bereit, seine Rechte zu wahren. Und seinen Angriff richtet er eben 
auf das Gebiet, von wo er verdrängt werden sollte. Gegen das Fasten 
kämpft Y aaT P'! J - a PT t ' a J S e S en die Keuschheit TtopVEta, gegen die Armut epiXapYupi'a, 
gegen die Demut ÜTOpcpavia usw. 

Die Geschichte der Askese legt ja deutlich genug Zeugnis ab von den 
Kämpfen der Asketen gegen das unterdrückte Triebleben. Die alte Kirche 
betrachtete die Asketen ganz charakteristisch als die größten Kämpfer der 
Zeit, als „Soldaten" im Kampf gegen den Satan. Dieser „große Wider- 
sacher" war es, der die Versuchungen sandte. Der Asket ist sich nämlich 
nicht bewußt, daß er in Wirklichkeit mit sich selbst kämpft. Jeder Mensch 
kann wohl aufsteigende Wünsche und Triebe, gegen die sein moralischer 
Wille sich wehrt, als etwas Objektives, Vonaußenkommendes, etwas Wesens- 
fremdes empfinden. Eben dies tut der Asket, wenn er glaubt, daß er gegen 
die vom Teufel gesandten Geister der Bosheit ankämpft. In den verdrängten 
Trieben aus den unbewußten Schichten des Seelenlebens, die sich unabhängig 
von dem bewußten Willen geltend machen, erkennt der Asket sich ja eben 
selbst nicht wieder, sondern er glaubt, daß er die Beute einer Macht ist, 
die von außen kommt, nicht aus ihm selbst. Er weiß nicht, daß er in 
Wirklichkeit seine eigenen inneren Seelenkämpfe objektiviert, daß nicht von 
außen kommende Dinge ihn versuchen, sondern daß er sein eigener Ver- 
sucher ist. Bis zu einem gewissen Grade ist auch jede Versuchung gewünscht : 
wie könnte sie uns sonst überkommen ? 

Das, was die Asketen nun zu bekämpfen haben, ist vor allen Dingen 
der unterdrückte Sexualtrieb, rcopveia, der Geist der Unkeuschheit. Wie 
wir in der Asket engeschichte der alten Kirche lesen, wird auf diesem Gebiete 
ein regelrechter Feldzug geführt. Die wesentlichsten und allgemein anerkannten 
Waffen sind Fasten und Wachen. Wie ein Heerführer eine Stadt dadurch 
zu bezwingen sucht, daß er ihr die Zufuhr von Lebensmitteln abschneidet, 
sucht der Asket durch Hunger und Durst das Fleisch zu bezwingen und es 
der Seele untenan zu machen. Und durch regelmäßiges Wachen sucht er 
der Schwächung der ethischen Widerstandsfähigkeit zu entgehen, die — wie 
er glaubt — der Schlaf mit sich führt. Dazu kommen noch eine Reihe von 
besonderen asketischen Übungen : Einsperren in enge Zellen, Ausschließung 
von Licht und Luft, Wüstenleben, Säulenleben, Tragen von zentnerschweren 
Fesseln um den Hals, Peitschen, härene Hemden usw. — Aus der Asketen- 
geschichte des Mittelalters haben wir eine klassische Schilderung von den 
Übungen, die S u s o durchzumachen hatte, um die böse Lust zu ersticken : 
Er ließ sich heimlich ein Untergewand machen und in dieses Untergewand 
ließ er Lederstreifen einnähen, durch die 150 spitze scharfe Messingnägef 

— 70 — 



getrieben waren, mit den Spitzen nach innen gekehrt. Dies Gewand ließ er 
recht eng machen, und so, daß es ihn ganz umgab und vorn zu schließen 
war, damit es ganz dicht anliegen sollte und die spitzigen Nägel ins Fleisch 
dringen konnten; es reichte aufwärts bis zum Nabel. Darin pflegte er des 
nachts zu schlafen. 1 

Wie wenig indessen alle diese äußeren Maßregeln geholfen haben, sehen 
wir besonders deutlich aus der Asketengeschichte der alten 
Kirche, die voll der grauenhaftesten Versuchungsgeschichten ist. Selbst 
wenn das Begehren nach Essen und Trinken — überhaupt nach Wohl- 
leben einigermaßen zu unterdrücken und zu schwächen war, so wurde 

der Sexualtrieb nur desto lebendiger. Ja die Geschichte der Asketen legt 
Zeugnis ab, daß Fasten und Selbstkasteiungen dazu beitrugen, die Sexual- 
begierde oft nur heftiger zu machen, was mit besonderer Deutlichkeit aus 
den Selbstbeobachtungen des heiligen Hieronymus hervorgeht. Es ist, als 
hätte die Rache des unterdrückten Trieblebens gerade auf diesem Gebiete 
besondere Erfolge aufzuweisen. Keine innere Anfechtung sucht den Asketen 
so oft heim wie die Unkeuschheit, was auch die besten von ihnen offen 
und ehrlich anerkennen. Hieronymus weiß davon zu erzählen, daß der 
Kampf gegen die Natur viele zum Wahnsinn trieb und von sich selbst 
schreibt er: „Ich, der ich mich selbst aus Furcht vor der Hölle zu diesem 
Kerker verurteilt hatte und nur der Genosse von Skorpionen und wilden 
Tieren war, ich glaubte dennoch mitten in die Reigen der Mädchen mich 
versetzt. Das Gesicht war bleich von Fasten, aber der Geist brannte im 
kalten Körper vor heißen Begierden, und vor der Phantasie eines Menschen, 
der dem Fleische nach längst gestorben war, brodelten förmlich nur die 
Reizungen der Sinnlichkeit empor (et ante hominem suum jam in carne 
praemortua, sola libidinum incendia bulliebant)." 8 

Hier scheint bei den meisten Asketen selbst der härteste Kampf nidits 
geholfen zu haben. Die Lebensgeschichten der Asketen malen mit fast un- 
heimlichem Realismus ihren hoffnungslosen Kampf: in wahnsinniger Angst 
vermehren sie die Selbstkasteiungen ; sie reißen sich das Fleisch vom Leib, 
heulen und verfluchen die schönen Gestalten, welche die Phantasie ihnen 
vorgaukelt. Und doch steht der Feind unentwegt auf der Lauer. Wenn der 
Asket seinen Körper peitscht, sich wie Benedictus in Dornenhecken 
wälzt oder sich wie M a c a r i u s nackt in einen Ameisenhaufen setzt, so 
meldet sich der Trieb doch wieder auf Umwegen und zwar als Masochismus. 



1 ) Das Leben Heinr. Susos, Kap. 17 ff. 

2) Hieronymus, ad Eustachium de servanda virginitate, Kap. 7. 

— 71 — 



1 



Und flieht der Asket die Menschen und birgt sich in einer Grabhöhle, so 
folgt ihm seine Begierde und schafft sich Abfluß in Träumen und Phanta- 
sien. Denn seinem Selbst kann niemand entfliehen. „Was ich nun in dieser 
Einsamkeit Tag und Nacht tue", — schreibt Basilius an einen Freund 
(Epist. II) — „ja das schäme ich mich fast zu sagen. Zwar habe ich ■ die 
Stadt verlassen, die eine Quelle war von tausend Übeln. Mich selbst konnte 
ich aber nicht verlassen." Und Maria von Ägypten, die frühere Dirne, 
die durch die strengste Wüstenaskese für ihre Sünden büßte, trägt ihre 
Vergangenheit mit sich herum und wird in der Einsamkeit ständig gequält 
von der Erinnerung an die schönen Lieder der Wollust, die sie als Mädchen 
sang : die alten Melodien lassen sie nicht los. 1 Die Schatten der Vergangen- 
heit verfolgen die Asketen allerwege, wohin sie sich auch wenden. Und der 
Teufel weckt die alten Eindrücke stets wieder zum Leben ; denn — wie 
es in Athanasius' Schilderung von den Versuchungen des heiligen Anto- 
nius heißt 3 — er versteht sich gar gut auf die Kunst, die Waffen, die er 
„im Nabel des Bauches" hat, anzuwenden. Zu Abbas Pachon kommt 
er in der Gestalt eines äthiopischen Mädchens, das der Heilige einmal in 
seiner Jugend, beim Ährensammeln, gesehen hatte; zu dem römischen 
Macarius in der Gestalt der Braut, die er am Hochzeitstage verließ, um 
in die Wüste zu fliehen. 3 Nicht einmal wer schon vor seinem reifen Mannes- 
alter der Welt den Rücken kehrt, geht unangefochten einher. Packend ist 
die Schilderung des Hieronymus von dem jungen Hilarion: „ehe er 
überhaupt schon infolge seiner Jugend sündigen konnte", mußte er unwill- 
kürlich „an Dinge denken, von denen er nichts wußte, und sich von seiner 
Phantasie deren Vollbringung vorgaukeln lassen, obwohl er doch niemals 
eine tatsächliche Erfahrung davon hatte." „Wie oft kam es vor, daß ihn, 
wenn er auf seinem Lager hingestreckt lag, entblößte weibliche Gestalten 
beunruhigten, oder, wenn er hungerte, die leckersten Gastmähler seiner Phan- 
tasie sich vorstellten ! Wenn er betete, sprang bisweilen plötzlich ein heulender 
Wolf oder ein belferndes Füchslein an ihm vorüber ; wenn er Psalmen sang, 
bot sich ihm das Schauspiel von Gladiatorenkämpfen dar, oder ein getöteter 
Gladiator fiel zu seinen Füßen und bat um Beerdigung".* 

Diese Ohnmacht im Kampfe gegen den Sexualtrieb, die in der Asketen- 
geschichte der alten Kirche so ergreifenden Ausdruck findet, ist auch sonst 

1) Vit. patr., Kap. ig. 

2) Vita Antonii, Kap. 5. 

3) Vgl. Lucius, Die Anfänge des Heiligenkultus, S. 364fr. 

4) Hieronymus, Vita Hilar., Kap. 5 und 7. — "Wir sehen hier, wie auch ver- 
drängte sadistische Wünsche sich in den Versuchungen des Asketen melden. 

— 72 — 



unter den Asketen aller Zeiten oft genug bezeugt. Beispiele aufzuzählen 
scheint kaum nötig. Sogar von Franz von Assisi erfahren wir, daß die 
Versuchung über ihn kam, das Zölibat aufzugeben : in der Bergeinsamkeit 
peitscht er „Bruder Esel" und macht Schneemänner, die „von der Kälte 
sterben". 1 In charakteristischer Weise berichtete mir der Frater D. von 
den schweren Versuchungen, die ihn heimsuchen : „Oft ist es, als müßte 
ich die Mauern der Zelle sprengen und hinausstürzen. Tagsüber gelingt es 
mir zwar, die Versuchungen zu bekämpfen, so daß ich nicht sündige. Dies 
glückt mir durch Gebet und Lesen heiliger Schriften. Nachts aber geht es 
nicht. Meiner Träume bin ich ja nicht Herr. Und sie sind furchtbar (teils 
gewöhnlich sexuelle, teils sadistische) ; sie bringen die Befriedigung aller 
meiner bösen Lüste. Mein einziger Trost ist, daß sie mir ja nicht als Sünde 
angerechnet werden können, wenn ich nur beim Erwachen die Kraft habe, 
nicht weiter an den Traum zu denken und bewußt die Phantasien wieder 
hervorzurufen." 

Wie schwer dies oft sein kann, bezeugt in bedeutungsvoller Weise die 
Sexualaskese der Skopzen. Ursprünglich war bei ihnen die gewöhnliche 
Kastration als genügend angesehen. Indessen zeigte es sich, daß auch nach 
der Kastration noch sexuelle Versuchungen auftraten. Seliwänow sagt 
selbst, daß dies der Grund war, warum er sich zur vollständigen Verstüm- 
melung entschloß, um sich dadurch ganz von den sexuellen Anfechtungen 
zu befreien. 8 Und dies ist wohl auch mit ein Motiv für ihn gewesen, bei 
Anhängern, denen es wie ihm selbst gegangen war, dasselbe Mittel anzu- 
wenden. In mehreren Fällen scheint jedoch nicht einmal die völlige Ver- 
stümmelung geholfen zu haben. In Nadeschdins „Untersuchung über 
die skopzische Häresie" heißt es : „ . . . über die zu Krüppeln gemachten 
Mißgestalten hat Macht die Unzucht der Einbildungskraft. Aber der Ein- 
bildungskraft legt auch das „zarische Sigel" nicht Zügel an. Daher ist 
durchaus nicht verwunderlich die Erzählung Kudimows, daß im Solowezki- 
Kloster, wo die zu der Zeit gefangen gehaltenen Skopzen von Sosonowitsch 
endgiltig verschnitten waren, „jeder von ihnen mit einem sonderlichen Freunde" 
(einem ebensolchen Skopzen) in unzüchtiger Freundschaft verbunden war. 
„Vor diesem aber" — fügt K u d i m o w hinzu — „hatten sie Freundinnen 
aus dem weiblichen Geschlecht". 3 

Von großem psychologischem Interesse ist hierbei, daß die Versuchungen 
sich nicht nur zu Zeiten melden, wo die Asketen aus irgendeinem Grunde 

i) Vgl. Johannes Jörgensen, Den hellige Frans af Assisi, S, 143 ff. 

2) Die geheime heil. Schrift der Skopzen, S. 32. 

3) Zitiert nach Graß, Die russischen Sekten, II, S. 725. Vgl. S. 120, 530, 709. 

— 73 — 



in ihren Bußübungen oder religiösen Meditationen nachgelassen haben. Wie 
Bonaventura bekennt, geschieht es frommen Menschen oft, daß sie 
mitten in brennenden gottesfürchtigen Übungen „carnalis deledationis pruritu 
foedantur" , oder: „in spiritualibus affeciionibus carnalis fluxus liquore maculaniur" ,* 
In solchen Fällen können wir besonders deutlich beobachten, wie das Ver- 
drängte sich in direktem Zusammenhange äußert mit dem, was die Ver- 
drängung bewirkte. In seiner Schrift „Dunkle Nacht der Seele" gibt J o- 
hannes vom Kreuz folgende Schilderung von der „geistigen Wollust" : 
„Es geschieht manchmal, daß sich selbst bei den geistigen Übungen, ohne 
daß es in ihrer (der Seele) Macht steht, in der Sinnlichkeit unreine Re- 
gungen erheben und zu empfinden geben, manchmal selbst wenn der Geist 
in tiefem Gebete und in Handhabung der Sakramente der Buße und des 
Altars sich befindet." Sehr interessant ist die psychologische Erklärung, die 
Johannes selbst von solchen Erfahrungen gibt. Eine erste Ursache findet er 
in einzelnen Fällen in der L u s t, welche die Natur an geistlichen Dingen 
hat : „Denn da Geist und Sinn genießt, so wird bei diesem Genüsse jeder 
Teil des Menschen angeregt, sich nach seinem Verhältnis und seiner Eigen- 
tümlichkeit zu ergötzen." Die zweite Ursache ist der Teufel. Und die 
dritte Ursache liegt in der „Furcht vor diesen unzüchtigen Regungen und 
Vorstellungen . . . , welche diese Menschen bereits gefaßt haben." „Denn die 
Furcht, die in ihnen durch plötzliche Erinnerung entsteht, während sie dies 
oder jenes sehen, sprechen, denken, ist Ursache, daß sie dergleichen Akte 
ohne ihre Schuld leiden." 3 

Dieser Erklärungsversuch ist psychologisch in zweierlei Hinsicht wertvoll. 
Einmal verleiht der große Mystiker einer organischen Betrachtung Aus- 
druck, nach der es nicht möglich ist, das Geistig-Religiöse von dem Körper- 
lichen zu isolieren. Selbst bei den höchsten und reinsten Geistes außerun gen 
melden sich die leiblichen Bedürfnisse. Die Freude, die der Geist an seiner 
Eigenart fühlt, wird selbst ein Anlaß zum Durchbruch der leiblichen Triebe, 
je nach ihrer Eigenart. Dann aber zeigt Johannes auch ein klares Ver- 
ständnis für die Gefahr des V er d r ä n gu ngs prozesses : das Verdrängte 
ist nicht verschwunden. Es meldet sich immer aufs neue durch die fort- 
währende Angst, das Verdrängte könne wieder hervorbrechen. Und wenn 
diese Furcht durch „Erinnerung" (d. h. Assoziationen) plötzlich selbst lebendig 
wird, dann folgen die unterdrückten „unzüchtigen Regungen und Vorstel- 
lungen" von selber mit. 

1) Zitiert nach Rolf Lagerborg, Platonische Liebe. Leipzig 1926. 8. 252, Anm. 47. 

2) Leben und Werke d. heil. Joh. v. Kreuz. Übers, von P. Peter Lechner. Regens- 
burg 1859. II, S. 327- 

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In Verbindung mit den Versuchungen der Asketen müssen auch ihre 
A n g s t erlebnisse erwähnt werden. Wir lesen von den Asketen der alten 
Kirche, daß eines der wesentlichsten Kampfmittel des Teufels war, sie in 
Schrecken zu setzen, um sie aus der Wüste zu vertreiben. Allerlei böse 
Dämonen erschienen in Gestalt von furchtbaren Tieren. Bald als brüllende 
Löwen, bald als Leoparden, Wölfe oder Schlangen stürzten sie sich auf 
die Asketen, als wollten sie sie verzehren. Oder Flammen schlagen aus der 
Zelle empor, Gewitter rasen, Donner und Blitz umhüllt sie. Ja oft geschieht 
es, daß der Teufel sogar menschliche Gewalt anwendet, den Asketen schlägt 
und umherschleppt wie ein Raubtier seine Beute, so daß er oft dem Tode 
nahe ist. 

Erlebnisse dieser Art sind als Manifestationen des unterdrückten Trieb- 
lebens anzusehen. Sie entsprechen den ganz unbegründeten Angsterlebnissen 
und Angstträumen, die wir bei Neurotikern finden und die — wie die 
Analyse regelmäßig zeigt — mit Sexualhemmungen zusammenhängen. Der 
Angstaffekt entstammt dem inneren Konflikt. Die Angst selbst ist eben eine 
Reaktion auf den Widerstreit der verdrängten Wünsche gegen die Zensur 
des Bewußtseins. Die wilden Tiere, die vor dem Bewußtsein des Asketen 
hervorsteigen, symbolisieren seine eigenen verdrängten Triebe, die das eigent- 
liche Objekt seiner vergeblichen Kämpfe sind. Das Schreckerregende der 
Phantasie ist eine Art Selbstbestrafung, weil er der unterdrückten Trieb- 
richtung erlaubt hat, sich wieder vorzudrängen. 

Charakteristisch für den Zusammenhang des Angsterlebnisses mit dem 
Triebleben ist ein Wort, das nach Athanasius dem heiligen Antonius 
in den Mund gelegt wird. In einer seiner Reden heißt es : „Wenn die 
Teufel auf offene Weise mit schmutziger Wollust das Herz zu betören nicht 
imstande sind, so treten sie in anderer, und zwar entgegengesetzter Weise 
auf und suchen uns nun durch Hervorbringung von Truggebilden in Schrecken 
zu setzen, indem sie fremdartige Gestalten annehmen und als Weibspersonen, 
wilde Tiere und Schlangen, als Ungeheuer mit Riesenleibern, ja als ganze 
Haufen wilden Kriegsvolkes erscheinen. 1 Wir sehen, wie dem Antonius die 
schreckenerregenden Tiervisionen auf derselben Linie stehen wie die so 
häufig auftretenden Phantasien von Weibern. 

Im Zusammenhang damit verstehen wir, daß den Asketen die Angst- 
erlebnisse gleichzeitig lustbetont sein können. Bei Teresa di Jesu, 
die eine seltene Fähigkeit klarer Selbstanalyse hatte, lesen wir: „Andere 
Male überfällt mich ein so mächtiger Ansturm mit einem solchen Zergehen 



vor Gott, daß ich mich nicht wehren kann. Es dünkt mich, mein Leben 
wolle zerrinnen, und so treibt es mich, laut aufzuschreien und Gott anzu- 
rufen. Dies überfällt mich mit großer Gewalt. Zuweilen vermag ich nicht 
sitzen zu bleiben, so große Ängste werden mir eingetan. Diese Pein kommt 
mir, ohne daß ich danach trachte, sie ist jedoch so beschaffen, daß die Seele 
nimmer, solange sie lebt, aus ihr herauskommen möchte." 1 Und Marina 
von Escobar, bei der erschreckende Teufelsvisionen mit Engelsvisionen 
wechselten, erzählt : „ . . , griff mich der Teufel in der Kirche an, entführte 
mich, schleppte mich im Geiste fort und ging mit mir so um, daß selbst 
der Leib während dieser 24stündigen Qual sehr abgemattet wurde . . . , 
ohne jedoch in Bestürzung zu geraten ; denn ohne Gewissensbisse Wider- 
wärtigkeiten zu erdulden, ist für die Seele keine schwere Last, sondern eine 
süße Bürde . . ." a Ein andermal sieht sie eine Leiter und einen Schwärm 
„der verächtlichsten, niedrigsten Teufel", die sie gewaltsam bei den Armen 
packen und sie zwingen wollen, auf die Leiter hinaufzusteigen : „Diese Er- 
scheinung versetzte mich in einige Verwunderung, da ich nicht enträtseln 
konnte, warum die Teufel sich so bemühten, mich in den Himmel hinauf- 
zuführen." 3 Hier haben die Phantasien einen sexualsymbolischen Charakter* 
angenommen, was scheinbar bei derartigen Erlebnissen der Asketen nicht 
selten der Fall gewesen ist. Ein anderes Beispiel ist Anna Katharina 
Emmerich, die oft das Gefühl hatte, von eiskalten Händen emporgehoben 
zu werden, und die auch das als Sexualsymbol so wohlbekannte Schweben 
kannte. 5 

Wir können der obigen Übersicht zweierlei entnehmen : 

1) Die Asketengeschichte zeigt, daß das Leben des Asketen in einer langen 

Reihe von Fällen einen immerwährenden Kampf gegen das unterdrückte 

Triebleben darstellt. Er wird nie damit fertig. Und man kann den Eindruck 

nicht verwinden, daß des Asketen ganze Kraft oft im Kampfe gegen die 

1) In einem Briefe an Petrus von Alcantara. Werke d. h. Th. IV, S. 222. 

2) Das wundersame Lehen der ehrw. Jungfrau Marina aus Escobar, I, S. 150 fl. 

3) Loc. cit. III, S. 470 f. 

4) Eine Treppe, eine Leiter u. dgl. hinaufzusteigen ist ein häufiges Traumsymbol für 
Sexualverkehr. Vgl. Freud, Die Traumdeutung. 

5) Mönkemöller, loc. cit. S. 265. — Dem psychologisch Unsachkundigen scheint 
oft die psychoanalytische Symboldeutung ganz willkürlich und unwahrscheinlich. Häufig 
ist sie natürlich auch mißbraucht worden. Indessen muß jeder, der die analytische Technik 
selbst einigermaßen beherrscht, sich überzeugt haben, daß Symbole der Art, die Freud 
und seine Schule angegeben haben, tatsächlich eine große Rolle im Seelenleben spielen. 
Eine direkte experimentelle Bestätigung bekommt man übrigens durch hypnotisch her- 
vorgerufene Symbolträume. (Vgl. Harald Schjelderup, Psykologi, S, 311). 

— 76 — 



Versuchungen verbraucht wird: er ist in der Tat einem lebensuntüchtigen 
Neurotiker mit allen dessen Hemmungen zu vergleichen. Daher ist auch das 
Leben des Asketen so häufig negativ eingestellt. Wie der Neurotiker 
kommt er schwer zu einer positiven Lebensentfaltung. Nie kommt er über 
die Kampfstellung hinaus, immer bleibt er gebunden an den verhaßten und 
verachteten Körper, von dem er sich loslösen möchte, diesem „Esel" wie 
Hilarion ihn nannte, oder, wie in neuerer Zeit die Chlüsten ihn bezeichnen, 
diesem „Grab der Seele". 

2) Zweitens sehen wir, daß die Rückkehr der verdrängten Wünsche in 
den Versuchungen der Asketen zu einer Überbetonung der Phan- 
tasie Wirksamkeit führen kann, die selbst eine verdeckte Triebbefrie- 
digung bezeichnet. Im nächsten Abschnitt soll eine bestimmte Seite dieser 
Phantasiebefriedigung näher beleuchtet werden. Hier möchte ich nur ganz 
allgemein betonen, daß die Form, in der die unterdrückten Triebe sich dem 
Bewußtsein als Versuchung ankündigen, in Wirklichkeit schon selbst eine 
Befriedigung bezeichnet. Dies ist sowohl der Fall, wenn das Versuchungs- 
erlebnis lustbetont, als auch wenn es wesentlich unlustbetont ist. In der 
Versuchung tritt das, dem man entsagte, als etwas Erreichbares auf. Der 
Asket mag gern des Glaubens sein, daß er gegen Versuchungen von außen, 
gegen Gaukelbilder der Hölle kämpft ; es sind doch nichts als seine eigenen 
unbewußten Wünsche, die sich manifestieren. Die Versuchung kommt von 
innen und sie würde keine Wirkung haben, wenn sie nicht in einer direkten 
Beziehung zu einem bestimmten Wunsche in uns selbst stände. „Wir werden 
nicht von der Welt, dem Fleische und dem Teufel versucht" — schreibt 
Hadfield — , „sondern von uns selbst. Adam gab Eva die Schuld und 
Eva der Schlange ; Gott aber ließ sich nicht täuschen : er trieb sie selbst 
aus dem Paradies heraus." 

In „La tentation de Saint Antobe" läßt Flaubert Hilarion zum Wüsten- 
asketen sagen : „Du beraubst dich der Lebensmittel, des Weines, der Bäder, 
der Sklavendienste, der Ehrenbezeugungen, aber wie schön lassest du dir 
von deiner Einbildungskraft Gastmähler, Wohlgerüche, nackte Frauen und 
beifallspendende Volksmengen vorführen ! Deine Keuschheit ist nur eine ver- 
feinerte Verderbtheit und deine Weltverachtung nur die Ohnmacht deines 
Welthasses." 



IIIIIIIIIIIIIII 

— 77 — 



Eine „unverstandene" Fran 

der voirpsydioamalytisdlien. Zeit 

(Jane Weish Carlyle: „Briefe an ihre Familie" 
P. Zsolnay- Verlag, Wien, I930) 

Diese Briefe der Gattin des genialen Historikers und Biographen Carlyle 
verraten eine geistreiche und kluge Frau von bedeutender Bildung und einem 
warmen Herzen. Das Haus dieser gütigen Frau war geradezu ein Asyl aller 
Hilfsbedürftigen. Sie ist in diesen Briefen stolz auf den genialen Gatten, aber sie 
warnt vor den Launen im Hause des Genies. Hatte sie doch das Unglück, einen 
schwer nervösen, sexuell unfähigen Gatten in ihm gefunden zu haben. 

„Als Mädchen in Ungebundenheit aufgewachsen, schön und verwöhnt", so 
sagt die Übersetzerin, „funkelnd von Geist, Temperament und Witz, muß sie 
— allerdings nach freier Wahl — in den Käfig der beschränkten Häuslichkeit 
und bleibt gebrochen dort am Boden liegen". 

Tragisch ist das Schicksal dieser Frau an der Seite des Gatten, den sie wie 
einen Vater bewundert, tragisch, denn sie wird in der Ehe schwer hysterisch. 
Die Arme hat unausgesetzt Beschwerden, leidet wochenlang an Kopfschmerzen. 
Schlaflose Nächte und ein beständiges Übelbefinden schaffen eine solche De- 
pression, daß es am besten ist, „nicht davon zu sprechen und nicht daran zu 
denken". Von sechs Uhr morgens hat sie einmal eine ununterbrochene Serie 
von Ohnmächten, Erstickungs- und Schreikrämpfen zu ertragen. Manchmal 
schläft sie zehn Tage nicht, kommt in Zustände heftigster Erregung und hat 
die Befürchtung, verrückt zu werden. 

„Wie wünschte ich mich, wenn auch nur für fünf Minuten, wieder einmal 
ganz gesund". So lauten ihre Stoßseufzer. Oder: „Wenn ich nur die körper- 
liche Kraft hätte und frei von körperlicher Abspannung wäre." 

Rast- und Ruhelosigkeit erfüllen ihr Leben; später wird die Unbefriedigte 
von einer rasenden Eifersucht auf eine anziehende, geistreiche Freundin ihres 
Mannes erfüllt. Keinen Frieden fand ihr Herz, immer gab es Erregungen und 
Erschütterungen, und Mann und Frau waren oft „wie Feilen, die aneinander 
reiben". 

Dem selbst so nervös empfindlichen, neurasthenischen Gatten, der absolute 
Ruhe zu seiner Arbeit mit allen Mitteln fordert, ist dieses alltägliche Kränkeln 
seiner Frau ein Greuel ; oft nennt er Jane „verrückt", ohne zu wissen, wissen 
zu wollen, zu dürfen, woher es komme. Er schickt sie an die frische Luft, rät 
ihr, aufs Land zu gehen, und übersieht, daß sie gar nicht wegkann von den 
ihr von ihm auferlegten Pflichten. Sie wünscht sich ein kleines Sofa für ihre Müdig- 

— 78 — 



keit ; zweimal spricht sie es ohne Erfolg bei dem Zerstreuten an und will sich nicht 
soweit herabsetzen, das noch einmal zu tun. 

Der Gatte soll einmal Pillen für sie holen, — sie nimmt ja alle möglichen 
Medikamente, Morphium und anderes ; was verstehen denn die Ärzte vom 
Grund ihrer Hysterie ! ? — aber durch seine Ungeschicklichkeit werden die 
Medikamente verwechselt, und sie macht eine schwere Vergiftung durch. 

Wie eine zarte Pflanze rankt sich diese junge Frau um den genialen gei- 
stigen Riesen, aber kein Gärtner ist da, liebevoll verstehend nach ihr zu 
sehen, sie zu begießen und zum Blühen zu bringen, geschweige sie frucht- 
tragend zu machen. 

Jane war um Eheleben und Mutterschaft betrogen, krank gemacht, ohne 
sich klar zu werden, wie es zusammenhing. Unbewußtes Ahnen vielleicht 
führt ihr die Feder bei ihren Klagen ohne Spitze, ohne direkte Anklagen. Einmal 
schreibt sie : „Ach, im Grunde meines Herzens bin ich stets furchtbar traurig — die 
Stürme meines äußeren Lebens sind wieder ganz zur Ruhe gekommen, es 
fließt geräuschlos genug dahin — aber darunter ! Glücklicherweise kümmert sich 
die Welt nur wenig um das, was wir tief unten bewahren — und das, wovor 
wir uns in unserem Leiden am meisten hüten müssen, ist, nicht auch unsere 
Mitmenschen mit unsern persönlichen Sorgen zu plagen." 

Sie war verschlossen für das tief unten Liegende : „Wie beneide ich die 
Menschen, welche die Gabe besitzen, alles, was sie denken und fühlen, in 
Worte zu kleiden ! Die niemals im körperlichen oder geistigen Sinn ihre Stimme 
verlieren, was auch vorgehen mag ! " 

„Was ich aber vom Himmel erflehe, ist Ruhe." Sie bezwingt sich stolz und 
resigniert, „hüllt sich in ihren Pelz unerschütterlicher Gelassenheit*. 

Wer genauer hinhorcht, erkennt in den Briefen an die Cousine, daß hier ein un- 
entbehrliches Ventil geöffnet ist, um einem tief enttäuschten Herzen Luft zu machen. 

„Wir verschärfen uns gegenseitig unsere Trübsal bis zur Verzweiflung", 
heißt es einmal offen. „Dieser Mann wird niemals zufrieden sein", ein ander- 
mal. Sie muß nachgeben und schweigen: „Ich gehe herum, als ob mir nichts 
fehle — ... da Carlyle schon seit langer Zeit sich selbst das alleinige Recht 
zu klagen vorbehalten hat." 

So zitiert diese um Jugend, Liebesleben und Mutterschaft, um Gesundheit 
und Lebensfreude betrogene Ehegefangene denn auch interessiert die „neue 
Idee" in Deutschland : „Varnhagen, Bettina, alle Denker Deutschlands sind 
zu dem Schlüsse gelangt, daß die Ehe eine unmoralische und ebenso unange- 
nehme Institution ist". 

„Ich bin mehr als glücklich, weil ich gelernt habe, ohne Glück zu leben", 
ist ein resignierter Satz in einem tröstenden Brief an die Cousine und 

— 79 — 



Freundin ; und mit der Hoffnung, daß „die dunkelste Stunde der Nacht der 
Dämmerung am nächsten ist", findet und gibt sie Trost. 

Der Narzißmus des Schaffenden anerkennt nicht auch die Bedürfnisse 
seiner Umgebung, so wird Jane zur immer geplagten Dienerin ihres großen 
Mannes ; sie habe ihn zu sehr verwöhnt, klagt sie eines Tages. Er leidet an 
einer eigenartigen neurotischen Wohnungsänderungssucht, die ihr größte Mühen 
verursacht. Als „Erdbeben" werden seine Ausbrüche der Unzufriedenheit be- 
zeichnet ; gefürchtete Zeiten ! Freilich ist es oft Sarkasmus, der der Bedrängten 
die Feder führt, und Stolz auf sein Genie ist es immer wieder, der sie 
ertragen läßt, was sie nun einmal auf sich geladen hat. 

Seien wir ehrlich, dieser Mann war oft unausstehlich. Heldenverehrung, das 
war sein Thema ; aber das stille Heldentum seiner Frau konnte er nicht 
würdigen. Wie immer Carlyle über seine eigene Schwäche hinweggekommen 
sein mag, er dürfte nicht ohne Ahnung geblieben sein, daß die Frau an seiner 
Seite um körperliches Liebesglück betrogen sei. Er war nicht der, der die erotisch 
kühle, ungeweckte Natur hätte zur vollen Weiblichkeit wecken können. 

Die Psychoanalyse hat uns seit jener Zeit gelehrt, daß das Glück der in 
ehelicher Verbindung lebenden Menschen auch ein körperlich gesundes Liebes- 
leben zur Voraussetzung hat. Wir brauchten nicht die sicheren Berichte über 
Carlyles Impotenz (z. B. in Frank Harris' Autobiographie) ; die Briefe der 
Jane W. Carlyle beweisen uns, daß sie krank und enttäuscht wurde in ihrer 
Ehe. Geist und Temperament blieben wohl ungebrochen, wurden vielleicht 
verschärft ; Sarkasmus, Verschwiegenheit bildeten sich aus. Aber diese Briefe 
bringen noch genug Klagen und Anklagen — neben einer Gesprächigkeit über 
das äußere Leben, die sich selbst betäuben will. 

Die Psychoanalyse hätte vermutlich Mann und Frau heilen können ; ver- 
mutlich hätten sich damit auch die schwer krankhaften Jahre der Eifersucht 
Janes vermeiden lassen. 

So mag denn ein Bedauern, daß diese edle Frau nicht später gelebt hat, 
am Platze sein ; aber es ist auch ein Trost, daß die Wissenschaft nunmehr oft 
imstande ist, es zu verhindern, daß ein schönes, in Ungebundenheit aufgewachsenes 
Mädchen durch die Ehe zerbrochen werden kann, wie dieses. 

Ohne psychoanalytisches Verstehen sind diese Briefe Vielen ein Rätsel ; 
Mißverstehen und Verhüllen reichen sich die Hand : so wird die Ehe der Car- 
lyles als eine glückliche bezeichnet, als eine beinahe einzigartige ! (Feuilleton 
der „Neuen Freien Presse" vom 27. Sept. 1 930 über die Briefe Jane Carlyles). 

Mag diese Frau beigetragen haben, des großen Carlyle Kräfte zu konzen- 
trieren und zu sublimieren, seine Werke gefördert haben, — sie war ein 
Opfer auf diesem Altar ! Dr. Eduard Hitschmann 

— 80 — 



Triefe und Tradition im Jugendalter 

(Eine Monographie Siegfried Bemfelds ßber lagebüdier) 

In einer "gedanken- und "ergebnisreichen Studie behandelt Bernfeld das 
Tagebuch der Jugendlichen 1 und sucht die Gesamterscheinung, 
wie sie sich uns aus gegenwärtigem und historischem Material ergibt, für 
eine vertiefte Erkenntnis der jugendlichen Psyche, insbesondere der Puber- 
tätszeit, auszuwerten. Liegt auch naturgemäß der Hauptton in der psycho- 
logischen Problemstellung, so wird die Arbeit durch die reizvolle Verbin- 
dung von psychologischen und literarhistorischen Gesichtspunkten über den 
Kreis der Fachpsychologen auch für denjenigen bedeutsam, der sich mit der 
Autobiographie und den ihr verwandten Erscheinungen befaßt. 

Das Tagebuch als geschichtliche» Phänomen ist eng an die Bewußtwer- 
dung des Individuums im Laufe der neueren Geschichte geknüpft. Humanis- 
mus und Renaissance entrissen den abendländischen Menschen der vorher- 
gegangenen kollektiven Gebundenheit, brachten dem Einzelnen den Wert 
der Persönlichkeit erstmals zum Bewußtsein und entwickelten damit den 
Antrieb, die mittelalterliche, durchaus der Außenwelt zugewandte Chronik 
in einer Ich-zugewandten Selbstdarstellung fortzuführen. So finden wir etwa 
vom 15. Jahrhundert ab in steigender Häufigkeit Diarien und Tagebücher, 
zunächst anknüpfend an besonders bedeutsame persönliche Erlebnisse (Rei- 
sen, Missionen, Geschäfte), interessanterweise vornehmlich in der zum Leben 
erwachten Schicht des Großbürgertums, das sich in wachsendem Selbstbe- 
wußtsein den herrschenden Mächten Adel und Kirche führend an die Seite 
stellte. Einen mächtigen Auftrieb erfuhr die Entwicklung des Tagebuches im 
17. Jahrhundert durch den Pietismus und seine Forderung sorgfältiger Prü- 
fung des eigenen Gewissens und Lebenswandels, ebenso aber auch durch 
den Jesuitenorden mit seinen Anforderungen an genaue Erforschung der 
eigenen Persönlichkeit. In Deutschland wurde erst das 18. Jahrhundert zur 
Blütezeit des Tagebuchs. Der mächtige Einfluß der Bekenntnisse des 
Rousseau mag dabei mitgewirkt haben. Lavaters Tagebücher, dann 
aber vor allem das Erscheinen des „Werther" regten in den Kreisen 
des gebildeten Bürgertums nachhaltig zur Abfassung von Tagebüchern an. 
Auch die Romantik förderte diese Entwicklung durch ihren Kult der Persön- 
lichkeit und schuf bis tief ins ig. Jahrhundert hinein fortwirkende Impulse, 
die übrigens schon unter d en vorhergegangenen kirchlichen Einflüssen ihren Nieder- 

Bern fei d: Trieb und Tradition im Jugendalter. Kulturpsychologische Studien 
an Tagebuchern. J. A. Barth, Leipzig 1931. 

PsA. Bewegung HI — -81 R 



schlag in Schule und häuslicher Erziehung gefunden hatten. In vielen päda- 
gogischen Instituten wurden die Zöglinge zur Abfassung von Tagebüchern 
angehalten, ja geradezu verpflichtet, wie auch von Elternseite durch ent- 
sprechenden Druck dafür gesorgt wurde, daß die Kinder sich in Tagebuch- 
form über ihr Leben äußerten. Sind in der neuesten Zeit die geistigen 
Antriebe zurückgetreten, so hat sich doch die Industrie durch Herstellung 
von „Fertigtagebüchern" der alten Tradition bemächtigt und damit selber 
zur Weiterführung der Tagebuchmode beigetragen. 

Ein Blick auf die historische Entwicklung genügt, um den starken Ein- 
fluß von Brauch und Mode auf die Abfassung von Tagebüchern zu er- 
hellen, und bewahrt davor, die psychologischen Antriebe allzu einseitig und 
isoliert in den Vordergrund zu rücken. Der mehr oder minder kräftige 
Druck von Eltern und Erziehern darf in seiner bedeutsamen Rolle als 
Determinante niemals unterschätzt werden. 

Die Definition des Begriffs Tagebuch ist nicht so einfach, wie dies 
auf den ersten Blick scheinen mag. Er muß vielmehr, will man über das 
eigentliche Problem, die psychologischen Motive des Tagebuchführens, 
genaueren Aufschluß gewinnen, aus verwandten Begriffen herausgeschält 
werden. Mit der Reliquiensammlung hat das Tagebuch nächste Be- 
rührung. Beide sind gekennzeichnet durch den Sammlungscharakter 
und die Aktualität. Die Reliquiensammlung, die in ihrer reinen Form 
bedeutsame und gehebte Gegenstände (Fetische) als Erinnerungen, meist an 
verehrte Personen, bewahrt, kann unmittelbar in das Tagebuch übergehen, 
wenn sie in Form von Einzelaufschrieben geführt wird. Auch mit der 
Autobiographie, bezw. mit selbstdarstellerischen Versuchen zeigt das 
Tagebuch enge Verwandtschaft. Doch fehlt bei der Autobiographie der 
Aktualitätscharakter des Tagebuchs, welches das Leben des SchreiBers in 
enger Bindung an den Tagesablauf in Notizenform begleitet, während die 
Selbstdarstellung ihrem Wesen nach zusammenfassende Rückschau auf ein 
Stück gelebter Vergangenheit anstrebt. Ein inneres Moment ist allerdings 
beiden gemeinsam. Dem Selbst des Schreibers tritt ein „virtuelles 
Selbst" gegenüber, das Ich, wie es sein sollte, nicht wie es ist. Dieser 
wichtige Faktor, das romanhafte Element, das sich unvermerkt, oft dem 
Schreiber unbewußt, in die Darstellung einmischt, muß bei beiden Erschei- 
nungen eingehend berücksichtigt werden, sobald sie psychologisch gewertet 
werden sollen. Der Brief als allgemeinste und verbreitetste nichditerarische 
Äußerungsform über das eigene Leben zeigt ebenfalls bedeutsame Ver- 
wandtschaft mit dem Tagebuch. Bei einer Betrachtung des Materials ergibt 
sich, wie häufig die Schreiber ihren Tagebüchern die Form nicht abgesandter 

— 82 ~ 



r 



Briefe an geliebte Personen verleihen, ja daß manchmal das Tagebudi selbst 
wie ein Adressat vom Schreiber angeredet und behandelt wird. Den echten 
Briefcharakter erhält das Tagebuch in dem Augenblick, da es in der Ab- 
sicht verfaßt wird, später anderen Personen gezeigt zu werden. Neben und 
statt dem Tagebuch führen viele Jugendliche Verzeichnisse und Register, 
teils Leistungsregister, die von rühmenswerten bedeutsamen Arbeiten und 
Erfolgen des Schreibers berichten, teils Sündenregister, die nicht-tagebuch- 
würdige Mißerfolge und Verfehlungen, oft in Geheimschrift, festhalten. Die 
Onanie der Pubertät spielt bei der Verfertigung solcher Sündenregister 
eine wichtige Rolle. Nur in vereinzelten Fällen und ausnahmsweise wird 
der Kampf gegen die Onanie im eigentlichen Tagebuch berührt, was an 
sich überraschen könnte, wenn wir nicht wüßten, daß neben dem Drang 
zur Wahrhaftigkeit die Idealbildung, daß das „virtuelle Selbst" bei der Ab- 
fassung des Tagebuchs von so entscheidender Bedeutung ist. Die durch die 
Onanie bedingte typische Konfliktssituation der Pubertät darf jedoch deshalb 
für die Entstehung des Tagebuchs keinesfalls unterschätzt werden. Es wäre 
falsch, aus der Nichterwähnung der Onanie im Tagebuch auf eine ent- 
sprechende Situation des Schreibers zu schließen. Eine etwas entferntere 
Verwandtschaft des Tagebuchs mit der Aphorismensammlung sollte 
ebenfalls berücksichtigt werden. Denn solche Aphorismensammlungen sind 
oft Tagebücher in verdeckter Form, geben sie doch dem Schreiber Gelegen- 
heit, seine (meist feindlichen) Impulse gegen seine Umwelt in die allgemei- 
nere Form der Lebensweisheit einzukleiden. Auch für diese Aphorismen- 
sammlungen sind Vorbilder wie La Rochefoucauld, in neuerer Zeit 
in erster Linie Nietzsche, von maßgebendem Einfluß. 

So komplex und nach vielen Richtungen hin schillernd die Form des 
Tagebuches sich darstellt, so vielseitig determiniert erscheint es auch in seiner 
psychologischen Motivierung. „Isolierungsbedürfnis" und „Abreaktion", die 
von Ch. B ü h 1 e r als wesentliche Faktoren für die Abfassung von Tage- 
büchern angesprochen werden, mögen gewiß bedeutsam sein, aber sie sind 
bei weitem nicht die einzigen. Man kann sich auch andere Äußerungsfor- 
men für diese Motive vorstellen. Dagegen wird das Identifizierungs- 
bedürfnis des Schreibers mit Personen aus der Geschichte oder der 
eigenen Umwelt ein bedeutsames Motiv für das Tagebuch werden. Ob sich 
ein i4Jähriges Mädchen in der Rolle einer „Gefallenen" oder „Verlorenen" 
gefallt und unter diesem Leitmotiv ihre Knutsch- und Kußerlebnisse mit 
ihren Freunden im Tagebuch schildert — oder ob, wetteifernd mit einer 
gleichzeitig geliebten und gehaßten Schwester ein anderer Backfisch eine 
Turnlehrerin anschwärmt, es sind in beiden Fällen Versuche, das eigene 



83 — 



6* 



Leben im Tagebuch nach einer besonderen Richtung hin erhöhter und be- 
deutender darzustellen, als es in Wahrheit ist. Der 1 i b i d i n ö s e n Identi- 
fizierung kann eine narzißtische gegenübergestellt werden, die sich 
unmittelbar in die Rolle eines historischen Heroen (Dichter, Held) hinein- 
träumt und das eigene Leben unter dem Aspekt zukünftiger Berühmt- 
heit im Tagebuch gestaltet. 

Für den Analytiker ergibt die eingehende Befassung mit den Tage- 
büchern Jugendlicher wichtige Anhaltspunkte für die Entwicklung der jugend- 
lichen Psyche, vor allem im Pubertätsalter. Die „synthetische Funktion des 
Ich" (Freu d), das Bestreben, aus der Konfliktlage zwischen Es und Über- 
ich eine Einheit herzustellen, tritt in vielen Tagebüchern mit greifbarer 
Deutlichkeit hervor. Ebenso aber auch die Entwicklung des Über-Ich selbst 
in der Form der Introjektion von autoritativen Persönlichkeiten der 
Umwelt, von Vater, Mutter oder stellvertretenden Erzieherpersönlichkeiten. 
Auch die zentrale Bedeutung des ödipusk omplexes ergibt sich aus 
immer wiederholten Variationen. 

Man kann auf Grund der Bernfeldschen Darstellung das Tagebuch als 
eine Erscheinung betrachten, die zwischen hysterischem Symptom und Subli- 
mierungsversuch ungefähr die Mitte hält. Der Kompromißcharakter des Tage- 
buchs, der auf narzißtischer Grundlage ein Ausleben geheimer (verpönter) 
Wünsche und Triebansprüche und Aggressionen in einer vor der zensieren- 
den Über-Ich-Instanz erlaubten Form gestattet, erinnert an den Charakter 
des Symptoms : die darstellende Gestaltung, die Arbeit also, die mit der 
oft geradezu zwangsmäßigen täglichen Eintragung verbunden ist, darf als 
der Versuch einer Sublimierung innerer Konflikte, der Vereinigung gegen- 
sätzlicher Strebungen angesprochen werden. p. Seh. 



Theodor Meik 

unh £,äh im 

Geh. M. 4*40, Ganzleinen M. 6'— 

Inhalt : Über den zynischen Witz — Die elliptische Entstellung- — Zur Psychoanalyse 

des jüdischen Witzes — Künstlerisches Schaffen und Witzarbeit — Anspielung- und 

Entblößung — Die zweifache Überraschung 

Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Wien 

iiiifiiiinniiiiiiiiniirifiiiiHiriinfiiriiiifiHiiniifiinfJfiiriittiiftunitiiiiiJiiiiiiJiiiiiiniiiinErii 

— 84 



ECHO DEM 
HOANALYSE 



IIIIIIIIIIIIIIIIM 

Psychoanalytische Tagung in Dresden 

(2f.—2g. September 1Q30) 

Die „Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft" unternahm in ihrer Dresdner 
Tagung zum ersten Male den Versuch, mit ihren Darbietungen nicht mü- 
den engeren Kreis ihrer Mitglieder, sondern auch ein breiteres Publikum 
ernst interessierter Außenstehender zu erreichen. Schon in seiner Begrüßungs- 
ansprache hatte Max Eitingon (Berlin) die gegenwärtige Situation der 
Psychoanalyse, ihre wachsende Bedeutung für die verschiedensten natur- und 
kulturwissenschaftlichen Gebiete gewürdigt, auch darauf hingewiesen, wie sich 
immer weitere Kreise freiwillig oder gezwungen mit den Ergebnissen der 
psychoanalytischen Theorie und Praxis beschäftigen. Diese — für die Mög- 
lichkeit der zeitgeschichtlichen Einordnung der Psychoanalyse so aufschluß- 
reiche — Eröffnungsrede Eitingons wird (unter dem Titel „Die neuere Me- 
thodenkritik an der Psychoanalyse") an der Spitze von Heft 1 des Jahr- 
gangs 1931 der „Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse" erscheinen. 

Allgemeinen Charakters war auch der Vortrag von Sandor R a d 6 (Ber- 
lin) über „Die psychoanalytische Therapie und das Publikum." Sei früher 
der Widerstand gegen die Psychoanalyse bei den Kranken das größte Hin- 
dernis gewesen, so müsse man heute oft davor warnen, den Psychoanalyti- 
ker als den Wunderdoktor anzusehen, der versagt habe, wenn es ihm nicht 
gelungen sei, in kürzester Frist hundertprozentige Heilerfolge zu erzielen. 
(Bewertung der psychoanalytischen Therapie nach dem „Alles- oder Nichts "- 
Gesetz des infantilen Narzißmus !) 

Vier — außerhalb des Rahmens der eigentlichen Tagung gehaltene — 
öffentliche Vorträge fanden das Interesse einer außerordentlich zahl- 
reichen Hörerschaft. 

Heinrich Meng (Frankfurt a. M.) sprach über „Seelische Hygiene auf 
psychoanalytischer Grundlage" und wies auf die erstaunliche Unkenntnis hin, 
mit der in vor analytischer Zeit das Seelenleben, insbesondere in seinen 
Krankheitserscheinungen, von Ärzten und Laien betrachtet wurde. Erst Freud 
schuf durch geduldiges Studium des neurotischen Menschen die Möglichkeit 
zu einer vertieften Auffassung der unbewußten seelischen Schichten. 

Karen H o r n e y (Berlin) umriß in einem inhaltlich und formal vorzügli- 
chen Vortrag über das „Mißtrauen zwischen den Geschlech- 



85 



tern" den Einfluß der Beziehungen zwischen Mann und Weib auf alle 
das Verhältnis der Geschlechter berührenden Werturteile. Während der 
Mann der Frau gegenüber seine Überlegenheit betont, ist er in, Wirklich- 
keit viel mehr abhängig von ihr, als er weiß. Der schöpferische Vorgang 
von Schwangerschaft und Geburt bedeutet eine ursprüngliche Überlegenheit 
der Frau, die durch den Mann erst nachträglich, durch seinen Anspruch auf 
Herrschaft unterdrückt und entwertet worden ist. Die Befangenheit gegen- 
über dem Sexualproblem, die daraus folgenden voreiligen Rationalisierungen 
der zwischen Mann und Weib bestehenden Spannung trüben eine klare 
und naturgegebene Auseinandersetzung zwischen den Geschlechtern, für deren 
Erfolg erst die Psychoanalyse die notwendigen Handhaben gegeben hat. 
(Der Vortrag von Frau Dr. Horney ist an der Spitze des vorigen Heftes 
dieser Zeitschrift veröffentlicht worden.) 

August Aichhorn (Wien) berichtete „Aus der Erziehungspraxis des 
Fürsorgeerziehers" und begeisterte seine Zuhörer durch die Lebendigkeit 
seiner Ausführungen und seiner aus dem Leben gegriffenen Beispiele. Nie- 
mals könne die Theorie allein ausreichen, der Schwierigkeiten in der Für- 
sorgeerziehung Herr zu werden. Jeder einzelne Fall bedürfe besonderer Be- 
handlung, die von liebevollem Verständnis und von einer gewissen Intuition 
getragen sein müsse, wenn auch Freuds Lehre ein unentbehrliches Rüstzeug 
zum Verständnis der jugendlichen Psyche und der Verwahrlosungserscheinun- 
gen bedeutet. 

Der Vortrag von Georg Groddeck (Baden-Baden) beschäftigte sich mit 
der Symbolik des „Struwelpeter" und überraschte, verblüffte auch zum 
Teil die Hörerschaft durch die Vielgestaltigkeit der Zusammenhänge, die aus 
diesem bekanntesten Kinderbuch geschöpft werden können. 

Für einen engeren wissenschaftlichen Kreis waren die weiteren 1 1 wissen- 
schaftlichen Vorträge bestimmt, deren einleitende der zentralen Bedeutung des 
Ödipuskomplexes im Seelenleben des Menschen galten. Während 
Felix B o e h m (Berlin) in seinem Vortrag „Zur Geschichte des Ödipuskom- 
plexes" reiches völkerpsychologisches Material aus dem ägyptischen, klassi- 
schen aber auch den exotischen Kulturkreisen heranzog, um zu zeigen, daß 
der Ödipuskomplex den nur für unsere Kultur gültigen Sonderfall darstellt, 
kennzeichnete Otto Fenichel (Berlin) die individuelle Entwicklung ge- 
schichtlicher Voraussetzungen des Ödipuskomplexes, mit dem Ergebnis, daß 
die allgemeine Gültigkeit des Komplexes nicht dazu führen dürfe, das in 
jedem Einzelfalle verschiedene Schicksal für das Individuum zu vergessen. 
Wilhelm Reich (Wien) schloß daran eine Betrachtung über „Psychoanalyse 
und Charakterbildung", welch letztere als eine Art „Charakterpanzer" aus 
dem Konflikt zwischen Sexualtrieben und Außenwelt abzuleiten sei und im 
Untergang des Ödipuskomplexes ihren Gipfel und Abschluß finde. (Die drei 
Vorträge von Boehm, Fenichel und Reich werden im 1. Heft des Jahr- 
gangs 1931 der „Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse" veröffentlicht 



— 86 — 




r. 



und dann auch in einer selbständigen Broschüre unter dem Titel „Über 
den Ödipuskomplex".) 

Die Ausführungen von Jenö Härnik (Berlin) waren der Therapie der 
Homosexualität gewidmet. Eine günstige Prognose für die analytische 
Behandlung sei dann möglich, wenn folgende Bedingungen erfüllt sind: 
i) Das ausgeprägte Gefühl eines Übels und entsprechendes Bedürfnis nach 
Heilung muß vorhanden, oder leicht zu erwecken sein — was immer sehr 
starke (auch bewußte) neurotische Konflikte voraussetzt. 2) Die reale Befrie- 
digung im homosexuellen Verkehr (oder in den mehr oder weniger äqui- 
valenten libidinösen Zielsetzungen) hat ausgesprochenermaßen (subjektiv, ev. 
auch objektiv) ungenügend zu sein, oder, was scheinbar nicht selten ist, un- 
zureichend geworden zu sein — das bedeutet eine mindestens relative Im- 
potenz. 3) Die Erwartung muß gerechtfertigt sein und bald verifiziert wer- 
den, daß gut ausgebildete Reste einer ursprünglichen psychischen Bisexualität 
vorzufinden, oder schnell aufzudecken sind — dazu gehören Erinnerungen 
an eine (vorausgegangene) manifeste heterosexuelle Phase u. a. m. 4) Ge- 
wissermaßen als Folgeerscheinung dieser z. T. ursächlichen Momente sollen 
neurotische Beimischungen an seelischen und körperlichen Symptomen in 
faßbarer Form da sein, sowohl als Quelle von Leiden, wie auch als Hand- 
habe für die psychoanalytische Kausalforschung. 

Ernst Simmel (Berlin-Tegel) faßte in seinem Vortrag über „Süchte" die 
Sucht als eine Art von „Lustselbstmord" auf. Nur eine Charakterumstim- 
mung der Süchtigen, bei der sich die Sanatoriumsbehandlung mit der Psycho- 
analyse vereinigen müsse, könne zu dauernden Resultaten führen. Wichtig 
sei die Unterscheidung zwischen primär Süchtigen und solchen, die aus 
äußeren Anlässen (Leiderlebnissen) zur Sucht verführt worden sind. 

Hans Christoffel (Basel) wies eindringlich auf die Bedeutung der 
unwillkürlichen aber auch der willkürlichen Muskulatur als Abfuhrorgan für 
Iibidinöse Spannungen hin und gab damit einen Beitrag zu den Wechsel- 
beziehungen zwischen Psyche und Organismus. (Der Vortrag erscheint unter 
dem Titel „Psychoanalyse und Medizin in ihren Beziehungen zur Angst- 
neurose" im 1. Heft der „Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse", 1931.) 

Michael Bälint (Budapest) versuchte in seinem Vortrag über „Einige 
psychosexuelle Parallelen zum biogenetischen Grundgesetz" eine Analogie 
zwischen Fortpflanzungsweise niederer Organismen und den Stadien der 
frühkindlichen Libidopositionen herzustellen. 

Soziologischen Problemen waren drei Vorträge der Tagung ge- 
widmet. Erich Fromm (Heidelberg) lehnte in seinen Ausführungen über 
„Anwendung der Psychoanalyse auf die Soziologie" mit Nachdruck die Auf- 
stellung des Begriffes einer Massenseele ab. Nur die psychologische Durch- 
forschung des Einzelindividuums könne zu einer zutreffenden Würdigung der 
Erscheinungen der Massenpsychologie führen. 

Die Bedeutung der Psychoanalyse für das Strafrecht schilderte Hugo 

— 87 — 



Staub (Berlin) in seinem Vortrag „Psychoanalyse und Strafrecht". Nicht 
das Verbrechen, sondern den Verbrecher gelte es zu erkennen. Die Zähig- 
keit, mit der die Gesellschaft am alten Strafrecht festhalte, sei auf die un- 
bewußten Rachetendenzen gegenüber dem Verbrecher zurückzuführen, der es 
gewagt hat, verdrängte Triebe auszuleben. (Staubs Vortrag wird in Heft 2 
des Jahrgangs 1931 der „Imago", das als Sonderheft „Kriminalpsychologie" 
im April erscheinen wird, veröffentlicht werden.) 

Mehr philosophische Gedankengänge verfolgte Carl Müller-Braun- 
schweig (Berlin), der über „Psychoanalyse und Weltanschauung" sprach 
und darauf hinwies, daß die Analyse, wenn auch selbst rein kausal aufge- 
baute Wissenschaft, wichtige Antriebe auf weltanschaulichem Gebiet gegeben 
hat. Nicht nur für eine materialistische, sondern auch für eine idealistische 
Weltanschauung (Einfluß des Geistes auf den Körper) sei in der Psycho- 
analyse Raum. (Der Vortrag ist im Oktoberheft der „Zeitschrift für psycho- 
analytische Pädagogik" und im „Almanach der Psychoanalyse 1931" veröf- 
fentlicht worden.) 

Ernst Schneider (Stuttgart) hob die Dringlichkeit einer schärferen „Be- 
griffsbildung in Psychoanalyse und Psychologie" hervor und stellte die 
Lebendigkeit dynamischer Erkenntnis seelischer Vorgänge der Schulpsycho- 
logie gegenüber. 

s- 

Die Dresdner Tagung fand sowohl in der medizinisch-psychotherapeuti- 
schen als auch in der Tagespresse lebhafte Beachtung. Die Dresdner Zei- 
tungen berichteten von Tag zu Tag über den Fortlauf der Veranstaltung. 
Die „Dresdner Nachrichten" schlössen die Reihe ihrer Berichte mit 
den Worten ab : „Die Tagung hat ihren Teilnehmern einen umfassenden 
und darum aufschlußreichen Überblick gegeben über das Wesen und die 
Forschungsmethoden der Psychoanalyse und über die Arbeitsgebiete, auf 
denen sie sich bis heute versucht hat. Sie wird bei gleicher Tiefenschürfung 
sich weiter klären und durchsetzen." Die „Dresdner Neuesten Nach- 
richten" veröffentlichten am 30. September einen ausführlichen Bericht* 
von Dr. G. K. 

Die Berliner Zeitungen hatten ihre ärztlichen Mitarbeiter nach Dresden 
entsandt. Im „B e r I i n eV Tageblatt" erschien der Bericht von A. V. 
am 21. Oktober. Es heißt dort u. a. : „Achtzehn Vorträge legten die rich- 
tungweisende Verbundenheit der Freudschen Lehre mit den verschiedensten 
Gebieten des individuellen und gesellschaftlichen Lebens dar. Was dabei 
gerade auf den Laien anziehend wirken mußte, war die Disziplin und 
Selbstkritik, die in den Referaten zutage trat." 

Die deutschnationale „Berliner Illustrierte Nachtausgabe" 
brachte eine Reihe von peinlich sensationell aufgemachten Einzelberichten 
ihres nach Dresden entsandten ärztlichen Mitarbeiters Prof. B. (z. B. unter 
den Titeln „Vampyr aus Mißtrauen", „Lustsensation des Morphinisten"). 

— 88 — 



Die „Vossische Zeitung" veröffentlichte drei Berichte ihres vor- 
trefflichen ärztlichen Mitarbeiters Dr. Robert Fliess (am 2. Okt.: 
„Psychoanalytiker-Tagung", am 21. Okt.: „Wo steht die Psychoanalyse", 
am 9. Nov. : „Mißtrauen zwischen den Geschlechtern"). „Man sagt nicht zu- 
viel", — schreibt Fliess — „wenn man die Befriedigung der Teilnehmer 
an dieser Tagung mitteilt : es waren Hörer und Vortragende nämlich gegen- 
seitig mit sich zufrieden. Nun, sie hatten alle Ursache es zu sein." 

Ein Bericht von Julius Epstein in der „Neuen Leipziger Zei- 
tung" vom 3. Oktober schließt mit den Worten: „Der außerordentliche 
Erfolg der Dresdner Tagung läßt hoffen, daß die Deutsche Psychoanalytische 
Gesellschaft diese Veranstaltung jährlich wiederholen möge." Von Julius 
Epstein erschien auch je ein Bericht in der „Literarischen Welt" 
(Nr. 42, 17. Oktober) und in der Prager Halbmonatsschrift „Die Wahr- 
heit". „Der unbefangene Beobachter" — so schließt der Bericht in der 
„Wahrheit" — „hatte den starken Eindruck, daß die Psychoanalyse heute 
die einzige methodische Psychologie ist, die in prinzipieller 
Weise den vielgestaltigen Problemen ihres weiten Aufgabenkreises gerecht zu 
werden vermag, daß sie die Dinge wirklich von innen heraus sinnvoll be- 
greift, daß sie allein eine wahre Tiefenpsychologie darstellt." 
In der „Münchener Medizinischen Wochenschrift" (Nr. 45 
vom 7. Nov.) berichtet Heinrich Meng ausführlich über den Zweck der 
Dresdner Veranstaltung und über die einzelnen Vorträge und stellt zum 
Schluß fest : „Aufmerksamkeit und Ausdauer der Hörer bis zum letzten 
Augenblick der Veranstaltung und wissenschaftliches Niveau der Vorträge 
sprachen dafür, daß die Tagung in angemessener und anregender Form 
Aufschluß über die Konzentration und Intensität der modernen psychoana- 
lytischen Forschung gegeben hat," 

Die „Zeitschrift für angewandte Psychologie" veröffent- 
lichte einen Bericht von Nelly Wolffheim; die „Sächsische 
Schulzeitung" (in Nr. 31) einen von Dr. A. O. Letzterer Referent 
äußert den kritischen Eindruck, daß man in der Psychoanalyse „zwar eine 
Wissenschaftsmethode, aber noch keine fundamentalen Ansatzpunkte zu einem 
Neuaufbau anderer Wissenschaftsgebiete" besitze. Aichhorns viel beachtete 
Leistungen seien mit außerpsychoanalytischen Werten verwoben und Grod- 
decks Symboldeutung am Struwelpeter das peinliche Gegenstück, eine päda- 
gogische und rednerische Entgleisung. 

Die „Medizinische Welt" veröffentlichte am 15. November einen 
Bericht von Dr. Gustav Bally über die Dresdner Tagung. Diese Tagung 
trüge „den Stempel einer ab s olut en wissenschaftlichen Ein- 
heitlichkeit, obschon die verschiedenartigsten Gebiete zur Darstellung 
kamen ... Die Tagung offenbarte eine an einer Fülle von äußerst frucht- 
baren methodologischen Gesichtspunkten langsam aber stetig wachsende 
Wissenschaft : dadurch in erster Linie gekennzeichnet, daß sie die u n h e i 1- 

— 89 — 



volle scharfe Trennung von Forschen und Heilen kon- 
sequent ablehnt, ihre Fragen am Leiden der Menschen orientiert und 
von da aus in die Tiefe senkt." Von Bally stammt auch der ausführliche 
Bericht im „Ze n t r al bl a 1 1 für Psychotherapie". Er betont darin 
die für die jüngste Entwicklung der psychoanalytischen Bewegung charakte- 
ristische Bedeutung dieser Tagung: Nach Jahrzehnten des inneren und 
äußeren Kampfes, der inneren und äußeren Entwicklung tritt die Psycho- 
analyse Freudscher Observanz in der letzten Zeit mehr aus ihrer Ab- 
geschlossenheit heraus. Ihre zunehmende theoretische Differenzie- 
rung in allen von ihr bearbeiteten Disziplinen, die immer-, vollständigere 
wissenschaftliche Unterbauung ihrer Begriffe, hat die Nachfrage nach ihr im 
wissenschaftlichen Publikum wachsen lassen. Dieser Kongreß hat gezeigt, daß 
sie es heute wagen kann, die Berechtigung ihres Ehrgeizes, eine zentrale 
Wissenschaft vom Leben zu sein, vor einer lebendig und sachlich interes- 
sierten Zuhörerschaft zu beweisen." 

Der Gedanke der Regression bei Marx 

Wir erhalten von Prof. Theodor Hartwig (Wien) folgende Zuschrift : 

Für Ihr „Psychoanalytisches Lesebuch" (im „Almanach der Psychoanalyse 
1927" — „1928" — „1931") gestatte ich mir, Sie auf eine Stelle bei Karl 
Marx aufmerksam zu machen, welche nicht nur beweist, daß Marx das 
psychologische Moment zu würdigen wußte, sondern auch zeigt, daß er 
volles Verständnis für gewisse „Regressionen" besaß, die bewirken, daß der 
ideologische Überbau der Gesellschaft gegenüber dem ökonomischen Fundament 
zurückbleibt. Sie finden die betreffende Stelle in der berühmten Schrift „Zur 
Kritik der politischen Ökonomie" (Seite XL VIII ff.). 

Zunächst spricht Marx davon, daß „gewisse bedeutende Gestaltungen der 
Kunst nur auf einer unentwickelten Stufe der Kunstentwicklung möglich sind". 
Dann weist er auf die Mythologie als „Arsenal der griechischen Kunst" hin 
und bemerkt nebenbei: „Alle Mythologie überwindet und beherrscht und 
gestaltet die Naturkräfte in der Einbildung und durch die Einbildung [All- 
macht der Gedanken! HL], verschwindet also mit der wirklichen Herrschaft 
über dieselben." 

Und nun fragt er, wieso es komme, daß „griechische Kunst und Epos . . . 
uns noch Kunstgenuß gewähren und in gewisser Beziehung als Norm und 
unerreichbare Muster gelten." Seine Antwort lautet nun : 

„Warum sollte die gesellschaftliche Kindheit der Menschheit, wo sie am 
schönsten entfaltet (ist), nicht als eine nie wiederkehrende Stufe ewigen Reiz 
ausüben ?" 

Nie wiederkehrend, weil eben, wie oben bemerkt, gewisse Kunstgestal- 
tungen nur auf primitiver, also infantiler Stufe möglich sind. 

— 90 — 



Sündenablaß durch Freud 

E, V. Zenker war einst Abgeordneter und Politiker in der alten k. u. k. 
Monarchie. Seine philosophischen und soziologischen Exkursionen brachten ihn 
in den Geruch eines Anarchisten. Von seiner extremen Freiheitsverherrlichung 
ist noch ein Adjektiv übriggeblieben : im Titel einer Zeitschrift, die er jetzt 
herausgibt. Die „Freie Welt" erscheint in der Similigasse zu Gablonz an der 
Neisse und von dort aus schützt E. V. Zenker durch halbmonatlich wieder- 
kehrende kraftstrotzende Ausfälle „die deutsche Kultur". Unter deren Gefähr- 
dern er selbstverständlich auch die böse Psychoanalyse nicht übersieht. Daher 
veröffentlicht er jetzt „Ein ernstes Wort zu Freuds Religions- und Moralphilo- 
sophie". Als Wissenschaft "zu gelten habe Freuds Lehre keinen Anspruch. Da- 
für daß Freuds Materialismus unzureichend sei, wird von Zenker im Beson- 
deren Rank als Kronzeuge angeführt. Die beiden letzten Schriften Freuds 
(„Die Zukunft einer Illusion" und „Das Unbehagen in der Kultur") werden 
als „Rauschgiftliteratur" bezeichnet. „Daß diese Schriften große Aullagen er- 
leben und von einer gewissen Presse über jedes Maß gelobt werden, impo- 
niert uns gar nicht, da dies auch den zotenhaften Romanen und der ödesten 
Schundliteratur gelingt. Freud spricht zu dem heute so überaus großen Haufen 
von Neurotikern und Entfesselten, die von ihm wie von einem wissen- 
schaftlichen T e t z e 1 einen Generalablaß für alle ihre auch ihnen selbst uner- 
träglichen Ekelhaftigkeiten und Laster und ein gnädiges Admittatur 
für ihre libidinösen Sättigungsbedürfnisse erwarten. Nur für 
diese Sorte kann er ein Abgott und der Vertreter höchster Wissenschaftlichkeit 
sein. Wir hielten es für eine Pflicht, unser Volk und unsere deutsche 
Jugend vor dieser Sumpfwissenschaft einmal eindringlich zu 
warnen, und da dies geschehen, ist der Wiener .Gelehrte' für uns ab- 



getan. 



St. 




E U E 



CHE 



III 



PAUL MAAG: Psychoanalyse und seelische 
Wirklichkeit. I. F. Lehmanns Verlag, München 1930. 

Freud werde von seinem „massiven Naturalismus" verleitet, „den Urgrund 
alles Seienden, den lebendigen Gott, als Hirngespinst zu erklären. Und" — 
schreibt Maag weiter — „mit einer Weltanschauung, die den Sinn des Daseins 



91 — 



leugnet, können wir nichts anfangen". Sagen Sie das nicht, Doktor Maag • 
eines haben Sie immerhin damit anfangen können : ein Buch konnten Sie doch 
darüber schreiben, vorne gewidmet „dem hohen Erziehungsrat" ihres Heimat- 
kantons Zürich und hinten mit Erklärung der Fremdworte „affektiv, biologisch, 
Fiktion, Hegemonie, Onanie, Pollution, sexuell, spontan" usw., damit es ja 
auch die Laiesten der Laien in die Hand nehmen können. Und diesen Laien, 
und hauptsächlich den Neurotikern selbst spendet dieses Buch nicht nur Lek- 
türe, sondern auch Trost. Denn dieser „verbesserte Freud" lehrt, die Wurzeln 
der Neurose seien im Bewußten zu finden, nicht im Unbewußten. Die „Ver- 
besserung" ist ein sehr einfacher Vorgang : die Freudsche Lehre wird auf den 
Kopf gestellt, Umdrehen ist bequemste Kritik. Was Freud als unbewußt er- 
klärt, sei seinem ganzen Wesen nach bewußt. „Es handelt sich einerseits um 
irgendeine Form sexueller Triebherrschaft, andererseits um Akte, die mit dem 
Ethos des Täters unvereinbar sind. Beides sucht er zu verdrängen und vom 
Bewußtsein auszuschließen. Die Behauptung, daß das möglich sei, und daß das 
Verdrängte unbewußt werde, ist mit der Wirklichkeit unvereinbar." „Der 
Konflikt des Neurotikers ist kein bloßer Triebkonflikt — es gibt keine Trieb- 
konflikte — sondern ein ethischer Konflikt." Die ethischen Konflikte sind nach 
Maag hauptsächlich Konflikte des Ethos mit der Geschlechtslust. „Darum haben 
alle echten Neurosen so gut wie ausnahmslos eine sexuelle Unterlage." Aber 
sie sind heilbar im Zeichen des Gottesglaubens, denn Gott zu finden sei das 
Fundament des Glücks. 

Angesichts dieser — gewiß ohne Skrupel und ethischen Konflikt vor sich 
gegangenen — Ausschlachtung der Befunde der Psychoanalyse zu entgegen- 
gesetzten Ergebnissen und Forderungen, kann man sich des Eindrucks nicht 
erwehren, daß der Verfasser in abgelebten Zeiten eine große Leuchte der 
Theologie abgegeben hätte. Zuerst auf den Scheiterhaufen mit jenen, für die 
die Erde rund ist und sich doch bewegt, und dann alle diesen Erkenntnissen 
verdankten Entdeckungen umdeuten „zum größeren Ruhme der Kirche", — 
in jedes Neuland den Missionar ! St. - 



Dr. H. VORWAHL: Psychologie der Vorpubertät. 

Eine Einführung in das Eigenleben der Halbwüchsigen. Ferd. 

Dümmlers Verlag, Berlin IQ2Q. 

Unter Heranziehung von Tagebuchmaterial, biographischen Notizen, Kind- 
heit sdarstellungen in der schönen Literatur, von Massenuntersuchungen in 
Schulen aller Gattungen (Schulaufsätze, Statistiken u. dgl.) versucht Vorwahl 
eine systematische Darstellung der seelischen Verhaltungsweise in der Vor- 
pubertät (10. bis 14. Lebensjahr) zu geben. Die Gliederung der Dar- 
stellung geht am besten aus den Kapitelüberschriften hervor : 



— 92 



Die personalen Beziehungen: Die Eltern — Geschwister — 
Verhältnis zur Schwester — Freundschaften. 

Die Eigenwelt: Das Spiel — Knabenstreiche — Bandenwesen — 
Klassen- und Gemeinschaftsleben — Die soziale Lage — Geheimnis und 
Selbstbewußtsein. 

Die Beziehungen zur Wertwelt: Der geistige Horizont — 
Literatur der Vorpubertät — Religion — Sittlichkeit — Rangordnung der 
Werte — Beruf — Sexualität. 

Die Psychoanalyse ist dem Verfasser nicht unbekannt, doch legt er sich 
bei der Heranziehung ihrer Befunde eine starke Zurückhaltung auf. Die 
Lehre vom Inzestmotiv zeitige z. B. bei der Deutung des Geschwisterver- 
hältnisses zu eindeutige Resultate, oder — um ein anderes Beispiel zu nen- 
nen — man dürfe bei der Motivation 
chenden Wünsche in der Vorpubertät, 
lebens nicht überschätzen. 

Bemerkenswert ist, daß Vorwahl trotz der Angriffe von B u r t und 
Krug auf die Echtheit des von Hermine Hug-Hellmuth herausgegebe- 
nen „ Tagebuchs eines halbwüchsigen Mädchens" „an der 
psychologischen Richtigkeit des wohl als Erinnerungen der 
Herausgeberin zu betrachtenden Materials" festhält. Dieses „Tagebuch" wird 
denn auch von Vorwahl öfters herangezogen, insbesondere im Kapitel 
„Sexualität", wo es mit Darstellungen der Dichterinnen Clara Viebig und 
Sigrid U n d s e t konfrontiert wird. «Jk 



der Berufswahl, bezw. der entspre- 
die Bedeutung des infantilen Trieb- 



KARL SIEBERT: Freuds Theorien inihrer Ent- 
wicklung. Max Hueber Verlag, München 1928. 

In dieser Arbeit (die von der philosophischen Fakultät der Universität München 
als Doktordissertation angenommen wurde) wird auf etwa 70 Seiten der Ver- 
such einer knappen Darstellung der Freudschen Lehre gemacht. Ein sachliches 
Prinzip wird mit einem chronologischen kombiniert, was sich im konkreten 
Falle gewiß rechtfertigt. Die Darstellung Sieberts hält sich an folgende Reihen- 
folge : Frühe Neurosenlehre, Psychopathologie des Alltagslebens, Traumdeutung, 
Witz, Sexualtheorie, Metapsychologie. Zum Schluß glaubt der Verfasser einige 
Zeilen kritischer Bemerkungen hinzufügen zu müssen. Es erhebe sich die Frage, 
ob die psychoanalytische Methode „den Anforderungen entspricht, die wir an 
das psychologische Experiment, als welches die Psychoanalyse anzusehen ist, 
zu stellen gewohnt sind ... Ein psychologisches Experiment muß sich durch 
Kontrollversuche auf seine Exaktheit hin prüfen lassen." Man sollte — meint 
Siebert — die Hypnose zu Kontrollzwecken heranziehen. „Weiters ist zu be- 
merken, daß sich bei wirklich freiem, kritiklosem Assoziieren die Einfälle nach 

— 93 — 




äußeren oder inneren Beziehungen (der Ähnlichkeit, des Gegensatzes usw.) an- 
einanderknüpfen, wobei in keiner Weise vorauszusehen ist, ob sie unbewußte 
Prozesse wiederholen werden oder nicht." Der in den freien Einfällen von der 
Psychoanalyse gefundene Sinn „dürfte auf die Einwirkung vorgefaßter Meinungen 
beim Assoziieren und auf nachträglich deutende Sinngebung zurückzuführen 
sein." St. 



KARL SIEBERT: Plastisch-anschauliche Gedächt- 
nisbilder. Arch. f. d. ges. Psychologie. Bd. 72. 

Ein Kapitel, das man früher einzig in die Psychopathologie verwies, hat aur 
Grund neuerer Forschungen seine Existenzberechtigung im Bereiche der Normal- 
psychologie erwiesen. Es ist das Gebiet jener Phänomene, die man unter dem 
Namen Stimmenhören, optischer, akustischer, Geruchs-, Geschmacks- und taktiler 
Halluzinationen kennt. Während diese Erscheinungen beim Geisteskranken oder 
seelisch schwer Abnormen mit Urteilsstörungen verbunden sind, die wiederum 
für den Krankheitszustand von ausschlaggebender Bedeutung sind, können sie 
beim Normalen in Verbindung mit vollkommener Einsichtigkeit ohne Beein- 
flussung der intellektuellen Fähigkeiten auftreten. Besonders solche Erlebnisse, 
wie sie die Psychiatrie als Pseudohalluzinationen bezeichnet, sind dem Normalen 
bei vollkommener Einsichtigkeit vielfach derart geläufig, daß er sie gar nicht 
als etwas Außergewöhnliches empfindet. 

Es ist mir gelungen, durch meine Versuche im Psychologischen Institut der 
Universität Wien, die an zahlreichen studierenden Damen und Herren ausge- 
führt wurden, näheren Einblick in den Mechanismus dieser Erscheinungen, in 
ihren Zusammenhang im Ganzen des Seelischen zu gewinnen. 

Daß dieser sich als ein gesetzlicher erwies, war zunächst das augenfälligste 
Resultat. Zum Beispiel : Bestimmte Personen hörten früher Stimmen, wovon 
sie berichteten, oder das Erlebnis des Stimmenhörens trat im freien Assoziations- 
versuch auf, wenn durch irgend welche Assoziationen für das Wieder- Wach-- 
werden der das Stimmenhören verursachenden Disposition günstige Bedingungen 
geschaffen wurden. Der Eindruck war der, daß eine bestimmte Person oder 
ganz unklar nur irgend eine Gestalt dem Betreffenden im Augenblick etwas 
zurief. Der sprachliche Inhalt des Zurufs war aber — und das war eine der 
wesentlichsten Feststellungen — meist eine Reproduktion eines wirklich erlebten 
und zwar besonders eindringlichen oder affektiven Zurufs. 

Berichtet wurde z. B. von einem Herrn, daß er die tägliche Mahnung seiner 
Großmutter an seine Mutter, sie solle vor dem Schlafengehen den Gashahn 
abdrehen, einmal abends in einer besonderen Erregung von einer Ecke des 
Zimmers ausgehend immer näher und näher an sich herankommen hörte. Ähn- 
liches erzählte mir eine Krankenschwester, die nach einer aufreibenden Pflege 
immer wieder von neuem quälend die Stimme ihrer Kranken hören mußte, 
wie sie dieses und jenes von ihr verlangte. Andererseits erzählte mir eine 
Studentin, daß sie einmal beim Betrachten seines Bildes die kosenden Worte 

— 94 — 



ihres Bräutigams — allerdings nicht von außen wie in den obengenannten 
beiden Fällen — sondern wie einen innerlichen Zuruf hörte. 

Schon Beobachtungen, wie sie z. B. Theodor R e i k an seinem jungen Sohn 
angestellt hat, lehren, daß derartige innere Zurufe leicht mit der so genannten 
Stimme des Gewissens verwechselt werden können. So zeigte sich auch bei 
meinen Versuchen, daß mahnende Stimmen dort gehört wurden, wo nach der 
ganzen Situation auch eine Gewissensregung zu erwarten war. So erinnerte sich 
beispielsweise eine Dame auf das Reizwort „Schokolade" hin an einen Schoko- 
ladediebstahl, den sie begangen hatte und hörte im nächsten Augenblick den 
inneren Zuruf „Na ihr seid eine feine Gesellschaft", um sich dann zu erinnern, 
daß sie damals tatsächlich mit diesen Worten aus ihren kulinarischen Genüssen 
herausgerissen worden war. Bezeichnend war, daß die Versuchspersonen bei 
solchen Gelegenheiten immer wiederholten, daß das Erlebnis nicht wie eine 
Erinnerung kam, sondern der Eindruck bestand, als ob eine Person im Augen- 
blick zu ihnen spräche. In ähnlichen Fällen übernimmt die Reproduktion eines 
plastischen Eindrucks gleichfalls die Funktion des schon seit Sokrates her be- 
kannten Daimonions. So wird eine Versuchsperson, da sie sich an einen Bettler 
erinnert beim Gedanken, ihm nichts gegeben zu haben, von seinem flehenden 
Blick verfolgt. Eine andere hört beim Gedanken an das Rauchen die Stimme 
ihres Onkels „Gut, wenn du es dir nicht angewöhnst", eine dritte den Vorwurf 
eines Bekannten „Stellen Sie sich nicht so naiv", wenn sie sich bei einer Ver- 
stellung ertappt zu haben glaubt. 

Betrachtet man das Problem der inneren Stimmen so von der experimentell 
psychologischen Seite, klären sich viele bisher dunkle Fragen auf. Was die 
Stimme des Gewissens ist, läßt sich vorläufig vom psychologischen Standpunkt 
aus noch nicht sagen. Soviel läßt sich aber jedenfalls schon einschränkend be- 
merken, daß nicht alle inneren Stimmen und Zurufe etwas mit dem Gewissen 
zu tun haben. Dafür zeugen die zahlreichen von mir beobachteten Fälle, in 
denen die innere Stimme trotz des reinsten Gewissens immer von neuem vor- 
wirft, quält, ironisiert, beleidigt usw. und zwar einfach deshalb, weil die Be- 
treffenden es mit Menschen zu tun gehabt haben, die durch ihr Wort — sei 
dies nun moralisch berechtigt gewesen oder nicht — so auf sie zu wirken ver- 
standen haben, daß die seelischen Spuren schier unauslöschlich in ihrem Inneren 
weiterwirken. So versteht man es, wie ein Allzuviel an Ermahnung, Belehrung 
oder Vorwurf verhängnisvoll, besonders in der Seele des Jugendlichen wirken 
kann. Der innere Vorwurf kann durch gute Taten nicht mehr zum Schweigen 
gebracht werden, er wirkt zerstörend auf seine Tatkraft, während er sich immer 
aufs neue in sein Inneres frißt. 

Die gleichen Mechanismen zeigten sich bei andern Erlebnissen von halluzi- 
natorischer Eindringlichkeit auf den übrigen Sinnesgebieten. Der Anblick eines 
eben Uberfahrenen, eines Erhängten, der eines besonders bemitleidenswerten 
Bettlers konnte ebenso zu späteren zwangsmäßigen überdeutlichen Reproduk- 
tionen führen, wie ein besonders aufdringlicher Geruch oder Geschmack oder 
taktile Eindrücke, wie starker Druck, Hitze oder Kälte, Nässe, elektrischer 
Strom usw. Die Nachhaltigkeit solcher Eindrücke erwies sich vielfach durch 
Jahre hindurch wirksam. Autorreferat 



— 95 



ELISABETH SULZER: Natur und Mensch im Werke 
Honore de Balzacs. Heitz & Co., Straßburg I930. 

Es sei vorausgeschickt, daß dieses Buch dem Psychoanalytiker empfohlen 
werden muß. Empfohlen, nicht so sehr um seiner Ergebnisse willen, sondern 
wegen der Anregungen, die reichlich ausgehen von dieser überaus liebevoll 
und gewissenhaft besorgten Zusammenstellung und systematischen Ordnung 
aller naturbeschreibenden Balzac-Stellen und aller Gebiete der Natur bildlich 
berührenden sprachlichen Wendungen Balzacs. Die Frage des Naturgefühls 
(bereits behandelt von Hanns Sachs, Winterstein, Richard Sterba, 
gestreift übrigens in diesem Hefte auch von Schottlaender) bedarf 
gewiß noch der weiteren psychoanalytischen Untersuchung, und eine Studie, 
wie die vorliegende von Elisabeth Sulzer — wenn auch monographisch auf 
einen einzigen Künstler beschränkt — wird als willkommener Führer in 
einen Teilbezirk der auftauchenden Phänomene gewertet werden können. 
Wenn wir auch auf den Inhalt der Sulzerschen Arbeit nicht näher eingehen 
können, wollen wir auf einige — willkürlich gewählte — Stellen aufmerksam 
machen. Interessant ist z. B. die Feststellung, daß Balzacs Romane eigentlich 
immer „von der Katastrophe handeln, die die äußere Form der Menschen 
durch seine innere erleidet" (S. 49). Balzac könne sich in seinem »Bedürfnis 
nach Gestaltung von durch Zerstörung stets gefährdeter Schönheit" nicht genug 
tun (59). — „Der wirklich weibliche Frauentypus, den Balzac ganz zu formen 
vermochte, taucht in die Sphäre, die wir mit Rubens charakterisieren mögen. 
Der Inbegriff des Mannes, den Balzac formen durfte, wandelt sich von 
barocker Sachlichkeit zum Helldunkel Rembrandts" (61). 

Im Abschnitt „Die Natur als Heimat" (86 ff) behandelt die Verfasserin 
als ein entscheidendes Moment in Balzacs Schaffen „die Sehnsucht nach der 
in der Kindheit besessenen ruhigen Beschlossenheit im fruchtbar wogenden 
Leben", die Sehnsucht nach dem „Bild einer um ihren Mittelpunkt zusam- 
mengerafften Welt". Der Psychoanalytiker wird allerdings nicht abgehalten 
werden können, hinter der engeren Heimat des Dichters (der zärtlich um- 
schwärmten Touraine) eine noch engere Heimat zu suchen. Auch der 
zunächst überraschende Befund der Verfasserin, daß das Seelenleben Balzacs 
von zwei Vorstellungen geradezu besessen war, von der Vorstellung des 
Abgrunds und der des Tigers („die beide nur verschiedene Gesichter 
einer Macht sind"), könnte sich vielleicht einer psychoanalytischen Auf- 
hellung zugänglich erweisen. St. 



Eigentümer und Verleger : 

Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Ges. m. b. H., Wien, I., Bärsegasse II 

Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Adolf Josef Storfer, Wien. I., Börsegasse n 

Druck: Johann N. Vcrnay A.-G., Wien, 1X„ Cauisiusgasse 8—10 

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